Der Tristesse entkommen

- Das weite Land, die großen Ebenen oder mächtigen Gebirge: Der Mensch kann sich darin verlieren oder verstecken oder in einer symbiotischen Beziehung mit der Landschaft aufgehen. In mehreren Beiträgen des Münchner Filmfests, das am Samstag zu Ende ging, konnte man dies beobachten. Aus allen Teilen der Welt kamen Visionen vom Einzelnen in einer Landschaftstotalen, von Menschen, die die Gesellschaft fliehen.

<P>In "Dandelion", dem großartigen Debüt des Amerikaners Mark Milgard, bieten die Getreidefelder des Mittleren Westens einen Unterschlupf, zwischen den Ähren verschwinden die Liebenden, verschmelzen mit der Natur und entkommen der Tristesse des eigenen Lebens. Milgards Film war eine der Entdeckungen des ersten Festivals unter der neuen Leitung von Andreas Ströhl. Ihm gelang es, das Fest auf wenige Kinos zu konzentrieren und so zum Treffpunkt zu machen. Das ist wichtig, gerade für ein Publikumsfestival, und die Zuschauer nahmen dies an und kamen zahlreicher in die Kinos als im Vorjahr.<BR><BR>Orte der Vereinsamung</P><P>Dort konnte man dann das verschneite Hochland Armeniens sehen - aus Hiner Saleems tollem Film "Vodka Lemon", der mit dem One-Future-Preis ausgezeichnet wurde. Ein unwirtlicher und kalter Landstrich, im Winter meterhoch eingeschneit. Dennoch findet das Leben fast ausschließlich unter freiem Himmel statt. Man lebt mit seiner Umgebung, stapft durch Schnee, steht in Pfützen, teilt sein Unglück mit den anderen, und manchmal auch sein Glück.<BR><BR>Michael Klier dagegen zeigt in "Farland" eine kleinstädtische deutsche Gegend, in der man sich nicht geborgen fühlen kann, weil sie eine Konsumlandschaft ist. Unübersichtliche, anonyme Einkaufszentren, ein Motel mit Check-In-Terminal, das sind Orte, in denen die Menschen vereinsamen, beziehungsunfähig werden. Und die Figuren aus Emir Kusturicas "Das Leben ist ein Wunder" lassen sich täuschen von der Idylle ihres kleinen Lummerlandes an der Grenze zwischen Bosnien und Serbien. Immer entlang der Bahnschienen bewegen sie sich durch einen eigenständigen, kleinen Mikrokosmos, über den - nicht eben plötzlich - der Krieg der großen Welt kommt.<BR><BR>Ein Höhepunkt des Münchner Filmfests: die Verleihung des Bernhard-Wicki-Preises "Die Brücke" an den Regisseur Volker Schlöndorff für seinen hier erstmals gezeigten Film "Der neunte Tag". Es ist dies ein erschütterndes Dokument des Humanismus' inmitten der Unmenschlichkeit. Die atemberaubende Geschichte eines luxemburgischen Priesters, der als Dachauer KZ-Häftling neun Tage "Urlaub" erhält, damit er Verrat üben möge . . . </P><P>Heftig beklatscht wurden neben Regisseur Schlöndorff die ausgezeichneten Protagonisten des Films: Ulrich Matthes in der tragischen Hauptrolle und August Diehl als sein Gegenspieler. Er war es auch, der mit jugendlicher Souveränität die Laudatio auf den Preisträger hielt (unser Bild): "Schlöndorff ist einer der neugierigsten Männer, die ich kenne". </P><P> </P><P> </P>

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