Triumph der Bilder

- Die Goldene Palme des Festivals von Cannes ging erstmals an Rumänien, und zwar an den Filmemacher Cristian Mungiu. Der deutsche Regisseur Fatih Akin erhielt für "Auf der anderen Seite" den Drehbuchpreis. Filmbericht

Ein alter Mann und eine junge Frau spielen Verstecken in einem Weinberg. Sie haben weiße Kleidung an, und vor dem Grün der Sträucher wirkt das aus der Distanz, als würden kleine weiße Punkte tanzen. Doch in Wahrheit ist es die Kamera, die hier tanzt, mit dem Zuschauer und mit den beiden Figuren ­ ein seltener Augenblick unbeschwerten, geradezu kindlichen Glücks. Nur eine von mehreren unbeschreiblich schönen, federleicht inszenierten Szenen in "Mogari no mori" ("Der trauernde Wald") von der Japanerin Naomi Kawase. Mit dem "Großen Preis der Jury" gewann sie jetzt in Cannes die zweitwichtigste Palme, ebenso verdient wie überraschend.

Es war fast wie 1999, als sich am Ende des Festivals "Rosetta", der auf den ersten Blick unscheinbaren Film des unbekannten belgischen Brüderpaars Dardenne, an allen Favoriten vorbeikatapultierte und gewann. Auch auf Kawase hätte zuvor kaum einer gewettet ­ obwohl die immer noch junge Regisseurin bereits vor zehn Jahren einmal an gleicher Stelle die "Caméra d‘or" für Debütfilme gewonnen hatte. Und die jetzige Auszeichnung ist überaus berechtigt: "Mogari No Mori" erzählt von der Beziehung eines senilen Greises zu seiner Pflegerin. Bei einem Ausflug läuft der Alte weg, die Frau geht hinterher; beide verlaufen sich im Wald, und weil auch noch ein schweres Unwetter einsetzt, müssen sie dort die Nacht verbringen. Eine erzwungene Rückkehr zum Naturzustand, die verborgene Traumata freisetzt, und zur Erlösung führt. Das Bestechendste an diesem zutiefst humanen Drama ist aber die hervorragende Kamera. Sie zieht sich zurück, kommt wieder ganz nahe heran, umkreist die zwei mal neugierig, mal suchend, mal nervös, aber immer dem Moment angemessen.

Ein großartiger Film und ein letztes Glanzlicht auf einem Wettbewerb, der unter 20 Filmen fast keinen Schwachpunkt bot. Ob jetzt ausgerechnet "4 luni, 3 saptamini se 2 zile" vom Rumänen Cristian Mungiu die Goldene Palme hätte gewinnen müssen, ist eine andere Frage. Denn dieser ist einer der wenigen, die man sich auch auf der stilistisch braveren Berlinale hätte vorstellen können. Mit bescheidenen Mitteln erzählt Mungiu von zwei Frauen im Rumänien kurz vor der Revolution ‘89. Eine muss abtreiben, die andere hilft ihr. In langen Einstellungen beobachtet man zuerst, wie sie ein Hotel anmieten, Geld zusammenkratzen. Allein acht Minuten lang hört man zu, wie der Arzt alle Details der illegalen Prozedur erklärt. Dann vergewaltigt der Arzt beide Frauen ­ das ist sein Preis, und das Einzige, bei dem der Film verschämt wegschaut. Genau hinein stößt die Kamera dafür ganz lange ins blutige Fleisch des frisch abgetrieben Fötus‘. Mungius Film steht für ein moralisierendes Kino unverhüllter Pädagogik, wie es glücklicherweise in der Minderheit ist in Cannes ­ aber häufig Preischancen hat, weil es die Erwartungen des westlichen Publikums bedient. Denn käme der Film aus Frankreich oder Deutschland, hätte er kaum einen Preis gewonnen. Doch Elend aus dem ehemaligen Ostblock ist derzeit schick; auch der Preis der Kritikerjury und der des Certain Regard gingen an rumänische Filme.

Zurechtgerückt wurde dieses Bild aber durch die Preise für Julian Schnabel, Gus Van Sant und Fatih Akin. Alle diese Filme leben von einmaliger Bildsprache und einem neugierigen, suchenden Blick, der nicht schon vorher weiß, was er sehen will, von Bildern, die nicht Thesen illustrieren. Grundsätzlich erlebte man in Cannes den Triumph der Bilder über den Rest. Kein Wunder, dass in vielen Filmen die Kameraleute als eigenständige Künstler aus dem Schatten der Autorenfilmer hervortraten: Christopher Doyle bei Van Sant, Fred Keleman bei Bela Tarr, Ed Lachman bei Ulrich Seidl warendie Besten der jeweiligen Filme und drückten ihnen jeweils den eigenen Stil auf.

Das einzige, was man kritisieren könnte, ist, dass sehr wenige Filme im Wettbewerb waren, die wirklich aufregten, zum Streit einluden oder so zu Herzen gingen wie Kawases Film. Ein bisschen kühl und ein bisschen düster stellt sich das Gesamtbild im Rückblick dar. Vier Hochzeiten stehen geschätzten 67 Todesfälle, davon zwei Selbstmorde und zwei Abtreibungen, gegenüber. Allein dreimal mussten Mütter mit dem Tod ihres Kindes fertig werden. Das Bild, das das anspruchsvolle Kino von der Welt zeichnet, ist also nicht erfreulich ­ aber wie könnte es auch, wenn Guantanamo, Folter, Bomben und Terror in den Nachrichten den Ton angeben?

Auch die Dokumentationen der Nebenreihen bestätigten den Gesamtbefund: Zum Optimismus besteht kein Anlass, und zu Utopien einer schönen neuen Welt scheint zurzeit kein Filmemacher Lust zu haben. Zumindest in Europa und Asien ist die Leinwand dagegen wieder ein Mittel zur Aufklärung und zur Auseinandersetzung mit der Gegenwart, für Weltflucht ist Hollywood zuständig. Aber mit den Filmen von Van Sant, Coen und Fincher kamen einige der bittersten Beiträge aus den USA und bewiesen, dass dort das unabhängige Kino quicklebendig ist.

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