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Triumph für Frankreichs Kino

Cannes - Gewinner "Entre les murs": Die jüngere Tradition der Filmfestspiele zielt auf Sozialpädagogik und Polit-Agitation.

"Keine zweite Oscarverleihung" werde es geben, das hatte Jurypräsident Sean Penn immer wieder betont. Und er hat Wort gehalten. Die Preisverleihung für Laurent Cantets "Entre les murs" ist ein Triumph für das europäische Kino, vor allem für das aus Frankreich, das die erste Goldene Palme seit 21 Jahren gewann und mit Arnaud Desplechins "Un conte de Noel" noch einen zweiten Preis. Und für das italienische Kino, das ebenfalls gleich zwei Preise bekam. Cantet (geboren 1961) ist kein Unbekannter.

Seine Filme "Ressurces humaines", "L'emploi du temps" und "Vers le sud" gewannen wichtige Auszeichnungen und liefen auch in Deutschland.

"Entre les murs" erzählt von einem Lehrer und seiner Klasse in einer Durchschnittsschule. Der Film verlässt die Schule nie, er konzentriert sich vor allem auf den Unterricht selbst: Der Lehrer liest mit den Schülern Voltaire und das "Tagebuch der Anne Frank", es gibt aber auch Grammatik- und Wortlektionen. Diese Auswahl ist auf uns im Publikum bezogen und keinesfalls zufällig.

Der Stoff bildet Kulisse und Material für alltägliche Kulturkämpfe. Der Film führt vor, was es bedeutet, wenn Schule auch als Instrument sozialer und kultureller Integration gedacht wird, als "Schule der Nation". Cantets Perspektive ist dabei parteiisch: bedingungslos für Aufklärung, für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und vom Lehrer her gedacht. Während die Schüler nie allein dargestellt werden, zeigt Cantet die Lehrer in ihren Gesprächen und die Mühlen der Bürokratie, die Vorgesetzten und Elternvertreter, die Politik der Schule. Dem liegt eine optimistische Idee von Pädagogik zugrunde: Der Mensch ist von Kultur aus gut.

In die jüngere Cannes-Tradition fügt sich der Preis perfekt: Abtreibung in Rumänien, irischer Unabhängigkeitskrieg, Obdachlose mit Kind, Bush und der Irak. Blickt man auf die Filme zurück, die in den letzten Jahren die Goldene Palme gewannen, ist die Tendenz nur allzu klar: Sozialpädagogik und politische Agitation. Vorbei jene Zeiten, als man durch die Kunst herausgefordert und infrage gestellt werden wollte - heute möchte man Bestätigung.

Auch in Cannes dominiert zurzeit ein Arthouse-Mainstream, der sich der gewohnten Machart der Industrie nur scheinbar entgegenstellt: entweder Ethnoemotion oder politische "Relevanz", in jedem Fall sentimental und mit einer "Lösung": Das sind nicht weniger künstliche Paradiese als die Reiseziele von Indiana Jones. Es zählt das Konsensfähige, das einem an Komplexität uninteressierten Zeitgeist schmeichelt. Die letzte Goldene Palme, die auch künstlerisch Zeichen setzte, war 2003 Gus Van Sants "Elephant"; der war zugleich ein Film über den Amoklauf von Columbine und erfüllte somit auch den Anspruch des inhaltlich "Bedeutungsvollen".

Cannes wird damit von jenem Virus befallen, der die großen Filmfestivals von Berlin und Venedig schon länger infiziert hat: Die Festivals, für die die angeschlossenen Märkte und der künstlich fabrizierte Starauflauf auf dem roten Teppich - zumeist mit Filmen "außer Konkurrenz", aber mit vielen Stars - immer wichtiger werden, geben ihre ursprüngliche Funktion preis, ein Gegengewicht zum Bestehenden darzustellen, ein Ort für Experimente zu sein. Nur dies hält das Kino als stilbildendes Medium lebendig. Derzeit ist sichtbar, wie Videokunst, Fernsehen, vor allem Internet, aber zunehmend auch Computerspiele die Funktion des Kinos übernehmen, als Bildmedium Nummer 1 die visuelle Erziehung jüngerer Generationen leisten.

Jene Zeiten, in denen in Cannes ein "Dogma-Manifest" veröffentlicht wurde und das Weltkino erneuerte, in denen Filme wie Vinterbergs "Das Fest", "Rosetta" der Dardenne-Brüder oder Morettis "Das Zimmer des Sohnes" gewannen, gehören vorläufig der Vergangenheit an. Aber auch wo Kino Industrieprodukt und Massenmedium ist, braucht es die sperrigen, persönlichen Werke der echten Kinokünstler. Allerdings: Lars von Trier, Michael Haneke oder Wong Kar-wai konnten hier noch nie gewinnen. Wahre Kunst ist nicht mehrheitsfähig. Auf lange Sicht setzt sie sich trotzdem durch.

Alle Auszeichnungen von CannesGoldene Palme: "Entre les murs" von Laurent Cantet, Frankreich Großer Preis der Jury: "Gomorra" von Matteo Garrone, Italien Preis der Jury: "Il Divo" von Paolo Sorrentino, Italien Bestes Drehbuch: "La silence de Lorna" (Lornas Schweigen) von Jean-Pierre und Luc Dardenne, Belgien Spezialpreis für ein Lebenswerk an: Cathérine Deneuve, Frankreich Bester Schauspieler: Benicio Del Toro für "Che" von Steven Soderbergh, USA Beste Schauspielerin: Sandra Corveloni für "La ligna de passe", Walter Salles, Brasilien Caméra d'or für den besten Debütfilm: "Hunger" von Steve McQueen, GB Goldene Palme für den besten Kurzfilm: "Megatron" von Marian Crisan, Rumänien Besondere Erwähnung Kurzfilm: "Jerrycan" von Julius Avery, Australien Preise der Nebenreihe "Un certain regard": Hauptpreis: "Tulpan", von Sergej Dvortsevoy, Russland Jury-Preis: "Tokyo Sonata" von Kiyoshi Kurosawa, Japan "Coup de coeur" der Jury: "Wolke 9" von Andreas Dresen, Deutschland "Knockout-Preis": "Tyson" von James Toback, USA "Hoffnungspreis": "Johnny Mad Dog" von Jean-Stéphane Sauvaire, Frankreich Großer Preis der unabhängigen Nebenreihe "Semaine de la critique": "Snijeg" (Schnee) von Aida Begic, Bosnien Preise des Studenten-Kurzfilmprogramms Cinéfondation:

1. Preis: "Himnon" von Elad Keidan, Israel

2. Preis: "Forbach" von Claire Burger, Frankreich

3. Preis: "Stop" von Park Jae-ok, Südkorea "Kestomerkitsjät" von Juho Kuosmanen, Finnland Preis der ökumenischen Jury: "Adoration" von Atom Egoyan, Kanada Preis der Internationalen Filmkritikerjury: "Eldorado" von Bouli Lanners, Belgien Preise der Internationalen Filmkritiker-Vereinigung Fipresci: "Delta" von Kornel Mundruczo, Ungarn, "Hunger" von Steve McQueen, Großbritannien.  (Quelle: dpa)

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