Überlebensgeschichten

- Müsste ein Völkermordfilm, der den Namen wirklich verdient, nicht notwendigerweise ein Splatterfilm sein, in dem tagelang Menschen hingemetzelt werden? So war es in Wirklichkeit, aber das kann man keinem zumuten, außerdem will es keiner sehen. Und daher tendieren noch die besten Filme des Genres zur Verharmlosung wider Willen. Bleibt die Möglichkeit, von der Ausnahme zu erzählen, vom Überleben inmitten des Sterbens, aber so, dass das Grauen nicht verniedlicht wird. Am besten gelang dies vor gut zehn Jahren Steven Spielberg.

<P>Die Parallele zwischen "Hotel Ruanda" und "Schindlers Liste" ist gewollt. Auch dies ist eine Filmstory, der wahre Ereignisse zugrunde liegen, die zugleich einen Hollywood-tauglichen Helden ins Zentrum rückt, einen Mann der Tat, der gegen alle Umstände Gutes tut. Paul Rusesabagina ist Manager eines belgischen Vier-Sterne-Hotels in Kigali. Als im April 1994 die Volksgruppe der Hutu etwa eine Million Tutsi abschlachtet und die UNO-Truppen hilflos zuschauen müssen, stellt er, selber ein Hutu, verheiratet mit einer Tutsi, das Hotel als Zuflucht zur Verfügung und rettet 1268 Menschen vor dem Massaker.<BR><BR>Terry Georges Film zeigt, wie das überhaupt praktisch möglich war. Es ist eine spannende Geschichte, wie da ein paar Flaschen Whiskey gegen Menschenleben getauscht werden, ein emotionaler Thriller zwischen Hoffnung und Verzweiflung mit Melodrama-Elementen und gewissen Wendungen, die für erfahrene Zuschauer vorhersehbar sein mögen, die aber trotzdem unmittelbar packen. Es gibt Momente, da glaubt man, die Dimension dessen zu ahnen, was damals geschah, doch schnell lenkt der Film dann wieder ab.<BR><BR>Spielberg hatte sich mehr Zeit genommen, um zu zeigen, was gezeigt werden muss: dass es um hunderttausendfachen Mord geht und dass die Überlebensgeschichten klein sind neben dem großen Sterben. George verwandelt den Ansatz Spielbergs und blickt oft weg, wo dieser hinschaute. Er streift den Völkermord, doch blendet er dann schnell wieder aufs Gesicht von Don Cheadle, der seine Figur als Held aus dem Bilderbuch spielt, ohne Brüche und Abgründe.<BR><BR>Zu Beginn wirkt der Film spannend und entfaltet viel Atmosphäre. Je mehr sich alles auf die Gestalt Rusesabaginas konzentriert, umso fiktiver erscheint die Geschichte. In den letzten Minuten mündet die Geschichte in ein Hollywood-Happy-End, das die Verstörung erstickt und den Zuschauer mit wohligem Gefühl aus dem Kino entlässt. Aber genau diese Bequemlichkeit ist es, die uns alle 1994 wegschauen ließ. (In München: Mathäser, Maxx, Arri, Atelier, Cinema i.O.)<BR><BR>"Hotel Ruanda"<BR>mit Don Cheadle, Sophie Okonedo<BR>Regie: Terry George<BR>Annehmbar </P><P><BR> </P>

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