Am Rosenheimer Platz: Täter greift mit Messer mehrere Menschen an

Am Rosenheimer Platz: Täter greift mit Messer mehrere Menschen an

Uhrwerkähnliche Präzision

- Fast könnte man annehmen, ein Blockbuster aus dem Hause Spielberg und Co. sei gestartet. Ein solches Gedränge wie Sonntagabend gab es schon lange nicht mehr im Rio-Kino. Schon gar nicht bei der Aufführung eines deutschen Spielfilms. Gezeigt wurde beim Filmfest München Benjamin Heisenbergs Regiedebüt "Schläfer".

Ähnliche Szenen spielten sich einen Tag vorher im Maxx-Kino ab, als Christoph Hochhäuslers "Falscher Bekenner" und Gordian Mauggs "Zeppelin!" gezeigt wurden. Klarer Fall, der deutsche Film existiert wieder.

Und er wird auch als verlässliches Instrument wahrgenommen. Zum einen als Vehikel der Unterhaltung natürlich, denn die darf inzwischen trotz kritischer Töne nicht mehr zu kurz kommen. Zum anderen als Seismograph der aktuellen gesellschaftlichen Verwerfungen. Als solcher hat sich das deutsche Kino gerade unter den Händen einer jungen Generation von aufgeweckten und umsichtigen Filmemachern beträchtlich gemausert. "Falscher Bekenner", der ebenso wie "Schläfer" schon in Cannes in "Un certain regard" lief, schildert die tragische Geschichte eines in der blank geputzten Erwachsenenwelt orientierungslosen jungen Mannes, der aus lauter Langeweile und Sehnsucht nach Aufmerksamkeit damit beginnt, anonym Bekennerbriefe zu real existierenden Unfällen und Verbrechen zu schreiben. Familie, gerade im deutschen Kino früher der Hort der Geborgenheit, ist hier bis zur Groteske sinnentleert.

Auf andere Weise zerrüttet und brüchig erscheint in "Zeppelin!" die Familie der jungen Hauptfigur Matthias Silcher. Allerdings verlegt Maugg den schwelenden Konflikt innerhalb der Verwandtschaft um eine Generation nach hinten: Die Großeltern in ihren Jugendtagen mit allen Lügen, Heimlichkeiten und Verfehlungen stehen im Zentrum dieser ambitioniert Liebesdrama und Historie rund um den Absturz des Luftschiffes Hindenburg kombinierenden Produktion. Die uhrwerkähnliche Präzision und Genauigkeit, die die Arbeiten von Heisenberg und Hochhäusler auszeichnet und geradezu erratisch aus dem Meer der übrigen deutschen Neuproduktionen herausragen lässt, erreicht Maugg trotz des massiven Einsatzes von Dokumentarmaterial nicht.

Was in "Zeppelin!" noch ungewollt verschwommen erscheint, wird in "Molly's Way" hingegen zum Stilprinzip erhoben: Fahrig, ruhelos und bewusst im Unklaren über das, was ihr noch begegnen wird, streunt die junge Heldin Molly auf der Suche nach dem Vater ihres ungeborenen Kindes durch eine polnische Kleinstadt. Im Vergleich mit den anderen Beiträgen der Reihe Neue Deutsche Kinofilme ist die Atmosphäre, die Regisseurin Emily Atef in ihrem poetischen Film erschafft, deutlich sanfter und wärmer. Was daran liegt, dass in allen anderen Produktionen ein bestehendes System von Zusammengehörigkeit quälend langsam in Fragmente zerlegt wird. Hier jedoch will und wird sich die energische Titelheldin Atefs genau diese Gemeinschaft erst schaffen.

Aber Familienbande hin oder her - die jungen Regisseure erzählen nicht nur spannende Geschichten, sie haben auch eine Menge zu sagen. Das Filmfest bietet noch bis Samstag die Möglichkeit, ihnen zuzuhören. Denn einen Verleih haben fast alle deutschen Festivalbeiträge noch nicht . . .

>> www.filmfest-muenchen.de

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