„Uncle Boonmee“: Kino als Hypnose-Sitzung

Keine Angst, im Grunde ist alles ganz einfach! Ja: „Uncle Boonmee“ ist ein recht rätselhafter, thailändischer „Kunstfilm“ über das Sterben.

Aber es ist ein Film ohne Schrecken und von großer Selbstverständlichkeit: Eines Abends sitzen da etwa plötzlich der Geist der verstorbenen Ehefrau und der zu einer unheimlichen Affenkreatur verwandelte, verschollene Sohn Tisch – und nach einem winzigen Moment der Überraschung, heißen die Lebenden sie ganz natürlich willkommen. Genauso ohne jedes dramatische Aufhebens tritt die Titelfigur, ein nierenkranker Plantagenbesitzer, ihren eigenen Weg ins Jenseits an: Eine fast wortlose, von den wenigen geliebten Menschen begleitete Reise in urzeitlich anmutende Räume – den Dschungel, eine Höhle –, die nur unterbrochen wird durch Erinnerungen an frühere Existenzen und eine Zukunftsvision.

Freilich, es gibt Wissen zu diesem Film (dem verdienten Gewinner der Goldenen Palme in Cannes), das hilfreich sein kann: Dass er Schwesterwerke hat – den Kurzfilm „A Letter to Uncle Boonmee“ und die Videoarbeiten des „Primitive Projects“, die im Münchner Haus der Kunst zu sehen waren. Dass die Themen Erinnerung und Krankheit im Werk Apichatpong Weerasethakuls („Tropical Malady“) große Leitmotive sind. Dass die Region im Nordosten Thailands, in der „Uncle Boonmee“ spielt, sowohl politisch als auch autobiografisch für den Regisseur einiges an Bedeutungsgepäck mitbringt. Dass sein Vater an einer Nierenerkrankung starb. Dass er in manchen Sequenzen den Hut zieht vor klassischem Thai-Kino, Horrorstreifen und Comics seiner Kindheit. Dass die für uns fremdartig bunten, buddhistischen Beisetzungsfeier-Bräuche am Ende durchaus realistisch gezeigt werden.

All das kann man wissen – aber man muss es nicht. Alles, was „Uncle Boonmee“ wirklich verlangt ist, dass man sich ihm öffnet, anvertraut. Dass man einklinkt in seinen unendlich ruhigen, sanften, tiefen Atem. Es geht nicht darum, diesen Film zu „verstehen“ – man soll ihn erleben, durchleben. Wovon „Inception“ redet, leistet „Uncle Boonmee“ tatsächlich: Das Publikum in einen traumgleichen Zustand zu versetzen. Das ist Kino als Hypnose-Sitzung, als magisches Ritual, als Rückführung in einen vorbewussten Zustand.

Lässt man das zu und befreit sich von gewohnten Erwartungen, verschwinden plötzlich die Grenzen zwischen Vergangenheit und Zukunft, Leben und Tod, Dokumentation und Fiktion, zwischen Zivilisation und Natur, zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen und Gestein. Man taucht ab in eine Welt überwältigender Akzeptanz – wo alles Leben ist, und es Grund gibt für Trauer, aber keinen für Angst. Denn eigentlich ist alles ganz einfach.

Thomas Willmann

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