Von unglücklicher Ehe in die Arme zahlloser Liebhaber

- Frauen und Literatur scheinen eine Art Leitmotiv im Schaffen der Regisseurin Dagmar Knöpfel zu sein. So handelte ihr Kinodebüt "Brigitta" von Adalbert Stifters gleichnamiger Heldin. Und auch im zweiten Spielfilm, dem "Requiem für eine romantische Frau" nach Hans Magnus Enzensberger, stand eine Frau im Mittelpunkt der Geschichte, nämlich Auguste Bußmann, die Geliebte des Dichters Clemens Brentano.

Nach der literarischen Figur und der Schriftsteller-Muse dreht sich in "Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern" alles um eine Frau, die selbst schreibt: Bozena Nemcová´.

Wie ihre Vorgängerinnen im Knöpfel-Universum ist auch Nemcová´ (1816 bis 1862) geprägt vom 19. Jahrhundert und seinen Repressalien der Frauenwelt gegenüber. Ungeheuer emanzipiert für die damalige Zeit war die Nemcová´, strahlend hell ihr Ruhm als Autorin, und fürchterlich ihr erbärmliches Ende. Die berühmteste tschechische Schriftstellerin, deren Roman "Die Großmutter" in ihrer Heimat bis heute zur Schullektüre gehört und deren Märchen "Drei Nüsse für Aschenbrödel" sogar hierzulande schon kleinen Kindern vertraut ist, war ihrer Zeit weit voraus. Sie war eine moderne Frau, die sich politisch engagierte und der unglücklichen Ehe mit einem brutalen Mann entfloh in die Arme zahlloser Liebhaber.

Dieses bewegte, immer am Rande der Verzweiflung entlang balancierende Leben hat Dagmar Knöpfel filmisch umgesetzt. Dabei ist "Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern" kein Künstlerinnenporträt im herkömmlichen Sinne. Knöpfel geht es nicht um die historische Detailgenauigkeit von Nemcová´s Biografie, sondern um die gewaltigen Emotionen, die bis zum späten Ausbruch unbemerkt unter der Maske der bescheidenen Gattin und Mutter schwelten. In Corinna Harfouch hat Knöpfel für dieses ambitionierte filmische Experiment mit vielen Zeitsprüngen, Vor- und Rückblenden eine großartige Protagonistin gefunden.

Fast schon erschreckend eindringlich ist Harfouchs Spiel, und allein ihren Augen sind die Zerrissenheit, die seelischen und schließlich auch körperlichen Qualen abzulesen, an denen Bozena Nemcová´ gelitten haben mag. Wenn die Schriftstellerin am Schreibtisch sitzt, um die ersten Zeilen zu Papier zu bringen, mit steil aufgerichtetem Rücken, spannt sich ihr Nacken an, und man spürt förmlich die Energie, die sich mit einer alles vernichtenden Wucht entlädt.

In Momenten wie diesem zeigt sich, dass historische Filme nicht immer ans Schulfernsehen erinnern und brav die Ereignisse nachbuchstabieren müssen, sondern auch mal unkonventionell und anspruchsvoll sein dürfen. (In München: ABC, Theatiner.)

"Durch diese Nacht . . ."

mit Corinna Harfouch,

Boleslav Polivka

Regie: Dagmar Knöpfel

Hervorragend

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Neuer „Harry Potter“-Film kommt - mit einem kleinen Haken
Den von J. K. Rowling erfundenen Zauberlehrling Harry Potter aus Hogwarts kennt jeder. Doch die Produzenten eines anderen Films werfen der Schriftstellerin vor, die Idee …
Neuer „Harry Potter“-Film kommt - mit einem kleinen Haken
Er war der coolste James Bond: Nachruf auf Roger Moore
Trauer um Roger Moore: Der James-Bond-Darsteller ist mit 89 Jahren an Krebs gestorben. Hier lesen sie einen Nachruf auf Roger Moore. 
Er war der coolste James Bond: Nachruf auf Roger Moore
„Pirates of the Caribbean 5“: Routine statt Spannung
Johnny Depp torkelt über die Schiffsplanken, Javier Bardem zeigt Vampirzähnchen - und ein junges Liebespaar gibt es auch. Disneys unverwüstliche Piratensaga geht mit …
„Pirates of the Caribbean 5“: Routine statt Spannung

Kommentare