Unglückstiftende Schatten

- Chuyia wird zur Witwe. Das Mädchen ist acht Jahre alt, und dass man sie zwangsverheiratet hatte, wie es im Indien der 30er-Jahre üblich ist, hatte das Kind gar nicht verstanden. Dass sich ihr Leben als Frau ohne Mann nun aber unangenehm heftig verändert, begreift Chuyia (Sarala) schnell: Die mittellosen Eltern können und wollen sie nicht mehr bei sich aufnehmen.

Daher gibt es für die kleine Chuyia kein Zurück. Sie muss in einen Ashram, ein Witwenhaus. Dort hocken tagein tagaus die zumeist hochbejahrten Frauen mit kahl geschorenen Köpfen im verdreckten Hinterhof und prügeln sich um eine Tasse voll Reis.

Chuyias neues Zuhause ist Zuflucht und gleichzeitig Gefängnis. Eine Witwe ist in Indien sozial geächtet, gilt als unrein und darf nie wieder am öffentlichen Leben teilnehmen, geschweige denn erneut heiraten. Stattdessen sollen die Frauen für die Sünden ihrer verstorbenen Männer büßen.

Eine Sackgasse, derer sich das fröhliche, aufgeweckte Kind noch nicht bewusst ist. Die zweite junge Frau in den grauen Mauern jedoch umso mehr: Die wunderschöne Kalyani (Lisa Ray) verliebt sich in den reichen und mit Gandhis fortschrittlichem Gedankengut vertrauten Narayan (John Abraham). Der will, Traditionen und Standesgrenzen ignorierend, die junge Witwe heiraten.

Mit "Water" beschließt die in Kanada lebende Inderin Deepa Mehta ihre Trilogie der Elemente. Die zwei Filme "Fire" und "Earth" ließen sich leichter mit ihrem jeweiligen Thema Leidenschaft oder Heimat verbinden. Wasser könnte für die unterdrückten Tränen der Frauen stehen, die Sehnsucht nach einem glücklichen Leben oder einfach für die Ohnmacht der indischen Frauen, damals wie heute. "Fire" provozierte durch eine Szene, in der die in ihrer Ehe untreue, lesbische Heldin die Feuerprobe besteht, den Zorn der fundamentalistischen Hindus. Beim weniger bissigen, stärker dem Bollywood-Kitsch verpflichteten "Water" gab es im Vorfeld Proteste, weshalb die Dreharbeiten oft verschoben wurden und schließlich heimlich auf Sri Lanka stattfanden.

Das Erzähltempo in "Water" ist weniger heißblütig als in "Fire", Gesellschafts- und Religionskritik wird aber auch hier ausformuliert. In vielen Bildern zeigt Mehta elegant und scheinbar nebenbei, wie eisern die Traditionen die indische Bevölkerung heute noch im Griff halten: Tagsüber muss Kalyani etwa darauf achten, dass ihr Schatten keinen Menschen berührt, da das Unglück bringen würde. Nachts verdingt sie sich als Prostituierte, um dem Witwenheim einen kargen Unterhalt zu sichern. 34 Millionen Hindu-Witwen leben gegenwärtig in Indien, so der Abspann. Die frauenfeindlichen Gesetze von damals hat man inzwischen abgeschafft. Doch in den Köpfen und im Alltag der Inder leben sie kaum vermindert weiter.

Ab morgen in München: Eldorado, ABC, Cinema i.O.

"Water"

mit Sarala, Lisa Ray

Regie: Deepa Mehta

Sehenswert

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