Vereintes Film-Europa

- Eine junge Frau tankt irgendwo bei Berlin. Sie nimmt einen Tramper mit. Beide kommen ins Gespräch. Und was ganz fröhlich beginnt, entwickelt sich zu einem Psychotrip. Denn der Typ kennt die junge Frau bereits, weiß Dinge über ihr Leben, an die sie sich nicht mehr erinnert oder erinnern will. "Ich lüge nicht", betont er immer wieder. "Lügt nicht jeder, selbst wenn er es gar nicht weiß?", hatte sie noch kokett gefragt.

<P>Heike Makatsch hat man lange nicht mehr so gut, so präzise auf den Punkt spielen gesehen wie hier in diesen zehn Minuten. Ein eindringlicher Auftritt. Und eine tolle Inszenierung von Regisseur Benjamin Quabeck, der mit "Ich hab Musik dabei", seinem Beitrag zu dem Episodenfilm "Europe - 99 euro-films 2", seine bisher beste Arbeit geboten hat: befreit von prätentiösem Ballast, allen Pflichtübungen, aufs Wesentliche konzentriert.</P><P>Viele kleine Experimente</P><P>Oder "King of the Dwarfs", die Geschichte von Tomek und Zusia, die schwanger ist. Ein verträumter Tag in Warschau, verfilmt von Xawery Zulawski. Tomek sucht einen Job, trifft Freunde und landet ganz woanders. Auch dieser Film, vielleicht der beste, jedenfalls der auffälligste unter allen neun Beiträgen, handelt von Wahrheit und Lüge, von dem, was hinter dem Märchen lauert, - zugleich ein Porträt der polnischen Gegenwartsgesellschaft. Schließlich "Las Olas" vom hochbegabten Nacho Cerda. Wieder ganz anders: eine geheimnisvolle Etüde in strengem Schwarzweiß. In Barcelona steht ein Mädchen vor dem Spiegel. Duscht. Schminkt sich. Denkt an ihr Leben, an das, was ihr wichtig war. Zieht sich an für ein Abschiedsfest. Eine minimalistische Psychostudie, die ganz um das Innenleben einer Figur kreist, deren Selbstgespräch die Bilder aus dem Off begleitet.</P><P>Als sich zwölf deutsche Regisseure 2001 zum Episodenfilm "99 euro-films" zusammenfanden, war dies ein Zeichen inmitten einer nicht inspirierenden Landschaft. Digitale Kurzfilme, alles ganz frei von falschem Einfluss - das Konzept war starr, aber gut. Jetzt wird es fortgesetzt. Der Rahmen, der die Filme zusammenführt, wird von der Episode R P Kahls gebildet: Ein elfenhaftes junges Mädchen reist durch Europa, leitet die Orte ein, in denen die nächste Geschichte spielt. Schauplätze sind acht Metropolen. "Europe - 99 euro-films 2" ist auch eine Erforschung der Gemeinsamkeit Europas und die Entdeckung, dass diese in den großen Städten liegt, in der Urbanität, die den Horizont erweitert und die Provinzialität, auch der Köpfe, hinter sich lässt. </P><P>Oft geht es um flüchtige Begegnungen, um das Spiel mit Erinnerungen und Erwartungen und um das, was man daraus macht. Alles sind kleine Experimente am lebenden Objekt - und das ganze Werk ein Wechsel auf die Zukunft: das vereinte Europa, künstlerisch zumindest. (In München: Maxim.)</P><P><BR>"Europe - 99 euro-film 2"<BR>mit Heike Makatsch u. a.<BR>Regie: Benjamin Quabeck, Xawery Zulawski u. a.<BR>Hervorragend </P><P> </P>

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