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Ich – wer ist das? Infolge einer unentdeckten Hirnhautentzündung verliert Lena (Maria Schrader) ihr biografisches Gedächtnis – und muss sich neu sozialisieren.

"Vergiss mein Ich"

Von der Einladung, Neues zu erleben

München - Maria Schrader spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über ihre Vorbereitung auf die Hauptrolle im Kinofilm "Vergiss mein Ich" und ihre nächste Regiearbeit.

In der deutschen Filmlandschaft gehört sie zu den alten Hasen. Dabei ist Maria Schrader gerade mal 48. Bekannt wurde die Schauspielerin durch ihre Arbeit mit den Regisseuren Doris Dörrie und Dani Levy. Für ihre Rolle in „Aimée und Jaguar“ von Max Färberböck erhielt sie 1999 den Silbernen Bären. Mittlerweile ist Schrader selbst unter die Regisseure gegangen und spielt viel Theater. Von Donnerstag an ist sie wieder im Kino zu sehen – in Jan Schomburgs „Vergiss mein Ich“. Wir trafen Maria Schrader in München.

Herzlichen Glückwunsch, seit August sind Sie Ensemblemitglied des Hamburger Schauspielhauses. Werden wir Sie dennoch weiterhin einmal im Jahr im Kino sehen?

Maria Schrader: Ja, ich bin das erste Mal in meinem Leben fest angestellt. Das ist für mich so exotisch wie für andere Leute auf den freien Markt zu wechseln. Natürlich möchte ich weiterhin als Schauspielerin vor der Kamera stehen, einmal im Jahr ist eigentlich ein schöner Rhythmus. Und ich bereite ein neues Projekt als Regisseurin vor. Zeit wird’s ja. Meine letzte Arbeit „Liebesleben“ liegt fast sieben Jahre zurück.

Worum wird es gehen?

Maria Schrader: Es wird ein Film über Stefan Zweig, über die Haltung eines Künstlers zur Politik und den Druck der Öffentlichkeit. Der Film konzentriert sich auf verschiedene Stationen seines Exils zwischen 1936 und dem Jahr 1942, in dem er sich gemeinsam mit seiner zweiten Frau umgebracht hat.

In „Vergiss mein Ich“ haben Sie die Hauptrolle übernommen. Wie kam es dazu?

Maria Schrader: Jan Schomburg und ich haben uns vor einigen Jahren kennengelernt. „Vergiss mein Ich“ ist inspiriert von einer wahren Geschichte, von der Jan im Radio gehört hat. Er hat mir verschiedene Fassungen des Drehbuchs zu lesen gegeben, wir saßen oft zusammen und haben Ideen ausgetauscht, eine denkbar schöne Situation.

Für Schomburg war es erst der zweite Spielfilm. Sie dagegen haben schon an über 20 Kinoprojekten mitgewirkt. Wie läuft da die Zusammenarbeit?

Maria Schrader: Ich hab’ vielleicht mehr Filme gemacht, aber er hat dafür sehr, sehr viel länger studiert! Gut, im Ernst, man kann sich in diesem Beruf schwer auf Dinge verlassen, die einem schon mal gelungen sind. Eigentlich steht man immer wieder vor Null. Das ist ja auch das Interessante. Selbst wenn man noch so präzise Vorstellungen hat, am Ende kennt man den Film erst, wenn er fertig ist. Und solange er nicht ganz am Computer animiert wird, sondern Menschen vor und hinter der Kamera stehen, gibt es Überraschungen und Risiken. Und dann kommt es auf die Gefährten an. Da gibt es im besten Fall nicht nur Vertrauen, sondern auch den Instinkt, wenn nicht sogar das Wissen, dass einen die Gedanken des anderen, die Richtung, die er einschlägt, interessieren.

Sie spielen Lena, die unter Amnesie leidet. Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Maria Schrader: Ja, es ist eine extreme Situation. Lena verliert mit ihren Erinnerungen auch die daran geknüpften Gefühle, sie erkennt ihr Haus nicht mehr, auch nicht ihren Ehemann und es gilt, die Liebe, auch die Sexualität und überhaupt alles, neu zu entdecken. Und sich vielleicht auch neu zu entscheiden. Entweder zurückzukehren zu der Person, die sie war, oder jemand anders zu werden. Wir haben uns mit verschiedenen Spezialisten und Ärzten getroffen, ich hatte die Möglichkeit, Interviews mit Amnesiepatienten zu sehen, natürlich gibt es auch viel Literatur, das ganze Programm eben. Ich habe erfahren, dass sich Menschen in einer solchen Lage völlig unterschiedlich verhalten. Es gibt kein Regelwerk. Das hat mich schauspielerisch beruhigt und auch befreit.

Sie hatten angeblich die Idee, sich für die Rolle hypnotisieren zu lassen?

Maria Schrader: Ja, das hätte mich interessiert. Es hat sich aber kein seriöser Hypnotiseur gefunden, der dazu bereit gewesen wäre, nur um mir so ein Erlebnis zu verschaffen, nur aus Recherchezwecken sozusagen. Man kennt das ja aus dem Fernsehen, diese Show-Hypnotiseure, die mit dem Finger schnipsen und die Leute wissen nicht mehr, wie sie heißen und wie alt sie sind. Dann schnipsen sie wieder – und alles ist wieder da. Ich dachte mir: Wenn ich das einmal erlebe, werde ich mich auch als Schauspielerin daran erinnern können.

Bereiten Sie sich immer derart intensiv vor?

Maria Schrader: Ich habe noch nie 20 Kilo für einen Film zu- oder abgenommen, oder irgendeine Art von „Opfer“ gebracht. Es sind ja eher Einladungen, Gelegenheiten, etwas Neues zu erleben, die Projekte einem bieten. Zum Beispiel bei „I was on Mars“ von 1992: Da kommt eine Polin nach dem Mauerfall nach New York und landet dort wie auf einem anderen Stern. Eigentlich auch ein bisschen wie Lena. Sie spricht die Sprache nicht, verhält sich seltsam und ist eigentlich sehr einsam. Für mich war Polen damals aber viel fremder als New York, also bin ich im Vorfeld nach Polen gefahren. Ohne dieses Projekt hätte ich das sicher nicht gemacht. Ich hab’ mich zwei Wochen treiben lassen, wohnte zuerst in Hotels, später bei Leuten, die ich kennengelernt hatte. Ich ließ mir in Polen die Haare färben, kleidete diese Figur ein und suchte nach ihren Accessoires. Und dann kam ich so ausgestattet in New York an. Am Flughafen standen zwei Arbeiter und schauten sich die vorbeiziehenden Passagiere an. Und ich sah eben aus wie eine Einwanderin aus dem Osten. Plötzlich kam einer von ihnen auf mich zu, legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: „You will make it.“ („Du schaffst das schon“; Anm. d. Red.)

Dieser Vorfall passt zu „Vergiss mein Ich“. Trotz des ernsten Themas hat der Film viel Humor, Mut – und bricht freimütig mit gesellschaftlichen Tabus.

Maria Schrader: Es ist eine verführerische Idee, dass unser Ich ein selbstgewähltes oder zumindest bewegliches Konstrukt sein könnte, das wir beliebig verändern oder sogar verabschieden könnten. Lena betrachtet ihr vormaliges Leben mit ziemlicher Skepsis, sie probiert neue Dinge aus, kleidet sich anders, entwickelt einen anderen Geschmack, der ihrem Mann die Haare zu Berge stehen lässt. Aber als sie versucht, die alte Lena nachzuspielen, erschreckt ihn das ebenfalls. Letztlich durchläuft Lena in der Mitte ihres Lebens noch einmal eine neue Sozialisation und stößt an Grenzen. Ihr Ehemann sagt ihr: Du kannst nicht einfach mit einem anderen Mann schlafen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Schon am Anfang wird ihr von ihrem ganzen Umfeld gespiegelt: Du hast dein Gedächtnis verloren, und das ist traurig. Der Automatismus, dass Verlust notwendig Trauer erzeugt, oder Institutionen wie die Monogamie: Das alles ist nichts anderes als eine gesellschaftliche Verabredung. Und die hinterfragt der Film.

Das Gespräch führte Katrin Hildebrand.

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