Diese Geschichte macht Lust auf mehr

Überraschung in "Vergiss mein Ich"

München - Regisseur Jan Schomburg und Hauptdarstellerin Maria Schrader überraschen mit „Vergiss mein Ich“ die Zuschauer. Unsere Kinokritik:

Was könnte belastender sein als ein deutscher Film über ein Problemthema? Amoklauf, Wochenbettdepression, Sekten, Stasi-Spitzelei, Alkoholismus, Hartz IV, Ehekrise und Schuppenflechte: Beinahe alles hat die Betroffenheits-Maschinerie zwischen Hamburg und München schon durchgenudelt. Eingefleischte „Tatort“-Fans müssen ja beinahe Antidepressiva schlucken, um den Sonntagabend zu überstehen. Und jetzt kommt auch noch Jan Schomburg daher mit einem Drama über retrograde Amnesie.

Retrograde was? Mit diesem Fachbegriff beschreiben Ärzte eine bestimmte Form des Gedächtnisverlusts. So hat Schomburgs Protagonistin Lena infolge einer Gehirnhautentzündung ihre ganze biografische Erinnerung verloren. Sie kennt ihre Freunde nicht mehr, ihre Wohnung scheint ihr fremd, ja, sie weiß nicht einmal mehr ihren Namen, geschweige denn, wer dieser Kerl ist, der sich als ihr Ehemann ausgibt.

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Jan Schomburg hat die Geschichte in enger Zusammenarbeit mit seiner Hauptdarstellerin Maria Schrader entwickelt. Viele andere Regisseure wären der Versuchung erlegen, daraus ein dunkles, dialogarmes Tragödchen zu zimmern und sich in Melancholie zu suhlen, die in der Kunst leider oft mit Anspruch verwechselt wird. Schomburg jedoch überrascht den Zuschauer. Zwischen tristen Farben und bizarren Bildern, in denen sich Lena auf exzentrische Weise selbst inszeniert, platziert er Witze, obskure Momente, die den Betrachter aus der Lethargie reißen und in eine völlig andere Gedankenwelt transportieren. Plötzlich geht es nicht mehr um das Schicksal einer kranken Frau, sondern um Identität. Wer ist Lena? Wer war sie? Hat ihr Mann noch einen Besitzanspruch auf eine Gattin, die ihn gar nicht kennt? Hat er überhaupt einen Anspruch – etwa auf Monogamie? Formal verlässt „Vergiss mein Ich“ zwar selten die Ebene eines edel gemachten, aber kaum experimentellen Dramas. Inhaltlich jedoch scheren sich der Regisseur und seine hingebungsvoll exaltierte Hauptdarstellerin wenig um die Erwartungen des Autorenfilmpublikums. Sie brechen ungeniert mit sozialen Tabus und sind auch noch komisch dabei. Für den deutschen Film ist das geradezu revolutionär und macht Lust auf mehr.

Katrin Hildebrand

Rubriklistenbild: © Real Fiction

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