Verhängnisvolles Quartett

- Vielleicht hat Regisseur Mike Nichols sein Leben lang auf diesen Film hingearbeitet. Mit legendären Werken wie "Wer hat Angst vor Virginia Woolf"? oder "Die Kunst zu lieben". Denn in diesen Werken erklärt er bereits, wie und warum Beziehungen scheitern. Wie das aussieht, wenn die Liebe allmählich erkaltet. Wie sich Enttäuschung anfühlt, weil der andere nicht mehr so ist, wie man sich ihn erträumt hat. Es überrascht also keineswegs, dass sich Mike Nichols vom Theaterstück Patrick Marbers angezogen fühlte.

<P>Denn der Dramatiker wuchtet alles auf die Bühne, was eine Liebe und das unausweichliche Scheitern derselben ausmacht: zwei Männer, zwei Frauen, vier unterschiedliche Ansichten und Lebensentwürfe, viele hochfliegende Hoffnungen und zerplatzte Träume, zahllose Heimlichkeiten, Gefühlsverwirrungen und lautstarke Streitereien. Seit 1997 wurde Marbers erfolgreiches Beziehungsdrama in über 100 Städten aufgeführt, darunter an den Münchner Kammerspielen. <BR><BR>Wunderbarer Weltschmerz<BR><BR>Nichols bleibt in seiner filmischen Adaption eng an der Vorlage. Er verändert die gepflegte Hochsprache des Theaters kaum, ebenso wenig wie die verbalen Ausschweifungen ins Drastisch-Sexuelle, und konzentriert sich ausschließlich auf seine vier Hauptdarsteller. Die sind in diesem schnörkellos in Szene gesetzten Bäumchen-wechsle-dich-Spiel prominent und überaus treffend besetzt. Bei allen hat man das Gefühl, sie noch nie besser, passender und im Spiel pointierter gesehen zu haben: Jude Law ist der sensible Schriftsteller Dan, der anfangs mit der jugendlichen Ausreißerin Alice (Nathalie Portman), später mit der vom Leben gezeichneten Fotografin Anna (Julia Roberts) liiert ist. Clive Owen spielt den Macho in diesem verhängnisvollen Liebesreigen, einen erfolgreichen Mediziner namens Larry, der das Dasein schneidend-kalt pragmatisch löst. <BR><BR>Egal was, egal wo - Larry ist die Figur, an der sich die durch Medienflut und Internet hinlänglich veränderten Liebes- und Lebensbedingungen am deutlichsten zeigen. Man nimmt sich, was man kriegen kann; mit Geld lässt sich fast jedes Problem lösen; und wer in der Liebe verliert, ist ein Schwächling. Dass Larry dennoch am Ende die sympathischste Figur ist, liegt zum einen an der überbordenden Spielfreude Owens. Zum anderen aber an Nichols Inszenierung, die den Schwerpunkt auf die Lügen, Intrigen und Täuschungen legt, die in "Hautnah" untrennbar mit den diversen Affären verbunden sind. Larry ist der Einzige, der wirklich sagt, was er denkt, und stets danach handelt. Auch er wird schließlich unglücklich sein, denn das desillusionierende Fazit ist die Unmöglichkeit von echter, unzerbrechlicher Liebe. Die Suche nach der fehlenden Hälfte, die einen unverwundbar macht, ist immer vergebens.<BR><BR>Diese ernüchternde Erkenntnis fasst Nichols aber in derart eleganten, tröstend schönen Aufnahmen zusammen, dass Weltschmerz, Liebesleid und Depressionen auf der Leinwand sicherlich nie besser ausgesehen haben. (In München: Mathäser, Marmorhaus, Maxx, Royal, Cadillac, Rio, Cinema und Museum i. O., Gabriel, Kino Solln.)<BR>"Hautnah"<BR>mit Julia Roberts, Jude Law, Natalie Portman, Clive Owen<BR>Regie: Mike Nichols<BR>Hervorragend </P>

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