Die verlorene Tochter

- Eine junge Frau steht auf einem Bahnhof und stellt sich die drei wichtigsten Fragen des Lebens: Hast du Sex? Hast du Familie? Bist du in Bewegung? Dreimal ja wäre das Paradies, erklärt Lene (Johanna Wokalek). Zweimal ja braucht man zum Glück und einmal ja zum Überleben. Lene kann nur einmal ja sagen: Sie ist in Bewegung. Und eben diese Bewegung führt sie zurück nach Hause, in den Schoß einer Familie, die nie eine richtige war und vor allem nach diesem Besuch Lenes nie mehr eine sein wird.

<P>Vor wunderschöner Alpenvorland-Kulisse breitet der im Schweizerischen Solothurn geborene Regisseur Hans Sebastian Steinbichler seine abgründige, gnadenlose Familiengeschichte aus. Düster hängen die Wolken über dem Dorf Hierankl, als die seit langem in Berlin lebende Lene nun anlässlich des 60. Geburtstages ihres über alles geliebten Vaters Lukas (Josef Bierbichler) wieder nach Hause kommt.</P><P>Auf dem Hof der Eltern scheint sich in all den Jahren nichts geändert zu haben: Der Vater hedonistisch-lebensfroh mit gelegentlichem Weltschmerz, die Mutter Rosemarie (Barbara Sukowa), eine vor langer Zeit aus dem Norden zugereiste, typische Alt-68erin, trotz des jungen Liebhabers verhärmt und griesgrämig. Dass der 60. Geburtstag aber einer werden wird, den nicht nur der Jubilar fortan gut erinnert, liegt an Götz (Peter Simonischek), einem Studienfreund der Eltern, der zeitgleich mit Lene überraschend das idyllische Gehöft heimsucht.</P><P>Steinbichler, Absolvent der HFF München, spielt geschickt mit den Versatzstücken des klassischen Bergbauern-Alpen-Ganghofer-Dramas der 50er-Jahre. In seinem elegisch erzählten Anti-Heimatfilm prallen biblische Motive wie die Wiederkehr der verlorenen Tochter mit Westernelementen wie etwa dem undurchsichtigen Fremden oder den geheimnisumwitterten Familienmitgliedern und Tragödien Shakespearschen Ausmaßes aufeinander. Aus diesen Ingredienzen formt Steinbichler ein wuchtiges Epos, so gewaltig wie die Berge der Umgebung. Die pompösen Gesten und die theatralischen Auftritte seiner durchweg grandiosen Darsteller bricht Steinbichler allerdings gerne durch unerwartete Einsprengsel von mitunter etwas brachialem Humor. Dadurch verleiht er dem Drama in all seiner archaischen Gnadenlosigkeit noch eine ungeahnte Tiefenschärfe. (In München: Eldorado, ABC, Isabella.)</P><P>"Hierankl"<BR>mit Johanna Wokalek, Barbara<BR>Sukowa, Josef Bierbichler<BR>Regie: Hans Sebastian Steinbichler<BR>Sehenswert</P>

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