Verlorene Unschuld

- Eine Sommergeschichte. Ein junger Mann lernt ein junges Mädchen kennen und verliebt sich. Der gefällt das, aber sie hat einen anderen, und von dem wird sie nicht lassen. Die beiden Männer freunden sich an. Der eine ist gerade aus der Schule gekommen, will Künstler werden. Er entdeckt eine Welt, die für ihn plötzlich voller Möglichkeiten scheint. Für ihn ist dies trotz der unerfüllten Liebe, trotz der immer dunkleren Wolken am politischen Horizont ein Sommer voller Hoffnung. Es ist der Sommer des Jahres 1961 in der DDR, die letzten Monate vor dem Mauerbau.

Rock und Revolution

Auch wenn die mit quecksilbrigem Charme und doch mit einem Schleier tief romantischer Düsternis spielende Jessica Schwarz zuweilen in ihrem Gang, ihren Gesten und ihrem unbestimmten, immer etwas entrückten Lächeln tatsächlich an Jeanne Moreau erinnert und es hier um eine Frau zwischen zwei Männern geht, muss man sich trotzdem nicht an Franç¸ois Truffauts "Jules und Jim" erinnern; man kann auch an Grafs eigene Filme, vor allem an "Die Freunde der Freunde" denken. Immer wieder begibt sich Graf auf die Suche nach einer verlorenen Zeit, die für ihn auch immer eine nach der verlorenen Unschuld ist. Schon eine ganze Weile erzählt er Geschichten von jungen Leuten, von ihrem Traum vom Leben, über den Abschied von etwas, das man behalten möchte.

"Der Rote Kakadu" geht auf das Drehbuch von Michael Klier zurück. Selbst einer der besten deutschen Regisseure, erzählt er seine eigene Geschichte. Graf schildert nun seinen romantischen Traum von einer DDR, wie es sie für eine historische Sekunde wohl tatsächlich gegeben hat: eine zweite deutsche Republik, deren Bürger selbstbewusst und den "Brüdern und Schwestern" im Westen in ihrem Begehren, ihren Sehnsüchten sehr ähnlich waren. Aber Graf weiß selbst, dass dies auch eine Projektion ist, dass Dresden keine Postkartenansicht ist.

Das Zentrum des Films ist Louise, eine junge Frau voller Stolz und Anmut. Romantisch, idealistisch, sozialistisch verkörpert sie den inneren Konflikt, die Widersprüchlichkeit der DDR: Einerseits mag sie Rockmusik, tanzt dazu verbotene Tänze, schwärmt für Böll und schreibt Gedichte, die von der Partei als dekadent abgelehnt werden, lebt auch sexuell eine ungezwungene Freiheit. Andererseits ist sie gegen den "West-Staat", glaubt an die DDR als das bessere Deutschland: "Willst Du Sarotti-Schokolade, oder willst Du hier was aufbauen?", fragt sie. "Ich finde nur, dass die Alten, die oben dran sind, alle weg müssen." Jessica Schwarz sieht aus und wirkt wie die jüngere Schwester von Brigitte Reimann, der großen Autorin, eine Figur voller Brüche, voller Sensibilität, verletzlich, aber nie schwach.

Wie bei "Jules und Jim" geht alles nur teilweise gut aus, machen die Zeitläufte der Freundschaft ein Ende. Mehr sollte man nicht verraten. Aber zumindest jeder Kinogänger weiß: Drei sind im Kino immer einer zu viel. Und manchmal auch zwei.

(In München: Mathäser, Münchner Freiheit, Atelier, Rio.)

"Der Rote Kakadu"

mit Jessica Schwarz, Roland Zehrfeld, Max Riemelt

Regie: Dominik Graf

Hervorragend

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