Von Verrat, Mord und einer schönen Frau

München - Statt "Black Book" wäre "Basic Instinct" wohl der bessere Titel für dieses hyperventilierende Drama, das in der Niederlande unter deutscher Besatzung angesiedelt ist. Denn mit bravem Geschichtskino deutscher Provenienz hat dieser Film etwa so viel gemein wie ein Italowestern mit einem Werk von Wim Wenders.

Regisseur Paul Verhoeven ist ein guter Filmemacher. Ein Hauch von Exploitation durchzog aber selbst "Basic Instinct", der ihn 1992 berühmt machte.

Das gilt auch für diese Geschichte einer tapferen Frau zwischen 1944 und der Befreiung der Niederlande: Zunächst versteckt sich die jüdische Sängerin Rachel Stein (Carice van Houten in einer phänomenalen One-Girl-Show), versucht zu fliehen und schließt sich, als dies scheitert, dem Widerstand an. Da ihr Aussehen und Verstellungstalent Türen öffnen, landet Rachel als Spionin im Gestapo-Hauptquartier.

Sie verliebt sich ausgerechnet in einen SS-Offizier (Sebastian Koch, erkennbar mit früheren Rollen als Speer und Stauffenberg spielend), kämpft gegen Verräter in den eigenen Reihen und natürlich gegen die Nazis. Zuletzt entlarvt sie einige niederländische Kollaborateure anhand des titelgebenden "Schwarzbuchs", einer Namensliste der Landesverräter.

Ein Abenteuerfilm ist das also, ein Thriller vor historischem Hintergrund. Seinen Reiz gewinnt "Black Book" zum einen aus aktuellen Anspielungen: Kaum zufällig bedienen sich die Nazis hier der gleichen Foltermethoden wie die USA im Irak, und kaum zufällig weigert sich die Besatzungsmacht, "mit Terroristen zu verhandeln", im englischen Original die Formulierungen von George W. Bush kopierend. Der zweite Reiz liegt im moralischen Relativismus.

Hier ist der Film klassisch europäisch: Das Menschenbild ist pessimistisch, fern aller Simplizität, die US-Produktionen so vorhersehbar, langweilig macht. Langweilig ist nichts; der Film ist flüssig erzählt, und wenn man ihm überhaupt etwas vorwerfen kann, ist das eine gewisse Kurzatmigkeit. Der Relativismus hat freilich zur Folge, dass die Nazis über Gebühr gut wegkommen. Verhoevens Furor gegen die Kollaboration seiner Landsleute lässt ihn teils vergessen, mit wem diese kollaborierten.

Aber "Black Book" will nicht realistisch und differenziert sein, das Bild, das entworfen wird, ist eine nostalgische Erinnerung an Filme der 60er- und 70er-Jahre. Erkauft wird dies mit grellen Effekten und einer gehörigen Portion Kolportage.

Doch in dieser Geballtheit liegt überraschenderweise die Stärke des Films. Einerseits gibt es Momente, da dreht man sich im Kinosessel vor Peinlichkeit. Aber es gibt auch andere, da windet man sich vor Vergnügen. Es mag bisweilen ein ziemlich billiges Vergnügen sein, das des Jahrmarkts, aber damit führt Verhoeven seinen Film nur an die Ursprünge des Kinos zurück.

Trotzdem ist dies nichts für das Multiplex-Publikum. Die Primitivität eines Verhoeven ist keine der Betäubung, sondern eine des aufgerissenen Fleischs. Darin ist er einem Mel Gibson ebenso verwandt wie einem Pasolini, und irgendwo dazwischen liegt dieser Film.

Sein expressives Moment gibt ihm etwas eigenartig Unwirkliches, weshalb "Black Book" aber umgekehrt erstaunlich frei ist von jeder Beflissenheit. Ein bisschen voyeuristisch und von grundsätzlicher, heiterer Verspieltheit ist dies einfach ein Stück echtes Kino. (In München: Mathäser, Maxx, Arri, Monopol-Kinos, Münchner Freiheit.)

"Black Book"

mit Carice van Houten

Regie: Paul Verhoeven

Sehenswert ((((;

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