Der verschwundene Vater

- Manchmal kann das Kino eine Tür zu etwas anderem sein: zu Diskussionen, Begegnungen, Erfahrungen. "Esmas Geheimnis" ist so ein Fall. Ein guter Film, aber, nur als Film genommen, eher konventionell. Doch bringt er uns ein Thema in ungewohnter Weise nahe, das sich jeder gern vom Leibe hält. "Esmas Geheimnis" handelt von Krieg, Vergewaltigung und von deren Folgen. Der Titel ist eigentlich zu sanft für das, wovon er handelt. Im Original heißt er "Grbavica" - das klingt in unseren Ohren rau und hart, dem Thema entsprechend.

Grbavica heißt ein Stadtviertel von Sarajevo, das während der Belagerung 1992 bis 1995 von serbischen Bosniern kontrolliert wurde. Sie errichteten hier auch Vergewaltigungslager. In Grbavica lebt heute Esma (Mirjana Karanovic), allein erziehende Mutter der zwölfjährigen Sara (Luna Miljavic). Den Vater gibt es nicht. Esma erzählt allen, er sei als Held im Bürgerkrieg gefallen. Doch sie kann das nicht beweisen.

Die Bosnierin Jasmila Zbanic, bisher Dokumentarfilmerin, erzählt in ihrem ersten Spielfilm vor allem vom Alltag zehn Jahre nach dem Abkommen von Dayton. Der Krieg hat die Nachfolgestaaten bis heute gezeichnet. Die Erwachsenen finden kaum Arbeit, und wenn doch, dann ist diese miserabel bezahlt. Aber die Kinder wollen vom Krieg und den Leiden der Eltern nicht mehr viel wissen - obwohl er überall präsent ist. Das ist das eigentlich Menschliche und das Geheimnis dieses Films: wie er Unausgesprochenes, den Schrecken immer präsent hält und zugleich alltäglich macht. Zbanic schildert ganz normale Pubertätskämpfe, ganz normale Geldnot, ganz normale Lebenslügen - und die Liebe, die stärker ist als der Hass. Dies ist eine vielleicht etwas zu einfache, zu harmonische Botschaft angesichts der Dinge, um die es hier geht. Aber es ist auch eine Wahrheit. Wohl deswegen gewann "Esmas Geheimnis" unerwartet im Februar den Goldenen Bären der Berlinale. Der Film macht es seinen Zuschauern nicht schwer, sogar manchmal etwas zu einfach. Hier wird nicht wohl abgewogen differenziert wie in einer Dokumentation und überdies ein Thema behandelt, das - im Vergleich zu den Ereignissen im Irak oder Guantanamo - "weit weg" liegt und "gelöst" ist. Wenn man den Film gesehen hat, gibt es nichts, wozu der Zuschauer unmittelbar aufgefordert würde. Aber allen Einschränkungen zum Trotz ist "Esmas Geheimnis" eine Tür zur Erfahrung, wie nahe zusammen Humanität und Schrecken liegen. (Ab morgen in München: Arri, City, Atlantis.)

"Esmas Geheimnis"

mit Mirjana Karanovic, Luna

Miljavic, Leon Lucev

Regie: Jasmila Zbanic

Sehenswert

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