Versteckter Abschiedsgruß

- Wer bekommt den Goldenen Bären? Auch am Ende eines interessanten, wenn auch künstlerisch nicht übermäßig inspirierten Wettbewerbs hat sich unter mehreren guten Kandidaten noch kein klarer Favorit für die Trophäe herausgeschält. Kaum überraschend wird Michael Winterbottoms engagiertes Politdrama "Road to Guantanamo" hoch gehandelt. Ein Film, der haargenau in die Zeit passt,

Rückkehr des Politischen

der dem von Berlinale-Chef Kosslick behaupteten Festivaltrend ("Die Rückkehr des Politischen") entspricht und der auch filmisch zum Zwingendsten gehört, das man in den letzten acht Tagen sah. Aber wird Winterbottom drei Jahre nach seinem Berlinale-Gewinn mit "In this World" schon wieder triumphieren?

Auch Robert Altman hat Chancen. "A Prairie Home Companion" über das Ensemble einer Live-Radioshow bei ihrem letzten Auftritt ist ein stilistisch perfekter, ungemein souveräner Film. Und herzzerreißend als versteckter Abschiedsgruß. Altman wird am Sonntag 81, und wenn man ihm den Sieg auch als Geburtstagsgeschenk gönnt, so vermutet man doch, dass die Jury eher auf die Zukunft des Weltkinos achtet und nicht ein Lebenswerk ehrt.

Und die Deutschen? Während Oskar Roehlers dekoffeinierter Houellebecq-Aufguss "Elementarteilchen" bereits eine knappe Woche nach seiner Premiere wieder vergessen ist, bleibt Matthias Glasners Vergewaltiger-Drama "Der freie Wille" ebenso im Gedächtnis wie das beachtliche Debüt der Berliner Filmhochschülerin Valeska Griesebach: "Sehnsucht" ist eine mit Laien inszenierte große Tragödie aus der brandenburgischen Provinz. Entscheidend ist nicht die Geschichte - ein Bauer geht fremd, kann sich zwischen zwei Frauen nicht entscheiden und scheitert bei einem Selbstmordversuch -, sondern die Inszenierung: ein kühler, konzentrierter Seiltanz zwischen Naturalismus und Künstlichkeit und der künstlerisch konsequenteste Film im Wettbewerb. Ein Preis dürfte beiden Werken sicher sein, der für den "besten Film" wäre aber eine Überraschung.

Bleibt Hans-Christian Schmids Beitrag "Requiem", der als letzter Streifen lief. Die Hauptfigur ist ein Mädchen, das in den frühen 70ern von der Schwäbischen Alb heruntersteigt und in Tübingen ein Pädagogik-Studium beginnt. Ihre Eltern und sie selbst sind streng katholisch, Epileptikerin ist sie auch noch, und irgendwann im ersten Semester beginnen die Probleme: Sie hat Anfälle, arbeitet ununterbrochen, wird wunderlich, schließlich hat sie auch noch religiöse Visionen.

Favorit "Requiem"

Immer weiter spitzt sich das Drama zu, bis irgendwann ein Teufelsaustreiber geholt wird. Das ist atemberaubend spannend, dicht und sehr gegenwärtig - denn außer um den Stellenwert der Religion geht es auch um Freiheitsdrang und Selbstbehauptung des Einzelnen. Im Stil erinnert der Film an eine Mischung aus "Breaking the Waves" und den späten Kieslowski.

Wenn hier deutscher Patriotismus nicht den Blick trübt und die internationale Jury nicht die politische Message noch über künstlerische Intensität stellt, dann wäre "Requiem" eigentlich der perfekte Sieger dieser Berlinale.

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