Die Verzweiflung der Täterkinder

- "Der Vater. Eine Abrechnung" hieß das Buch, mit dem der "Stern"-Redakteur Niklas Frank 1987 die Bundesrepublik empörte. Schonungslos, in einer in ähnlicher Erinnerungsliteratur bislang nicht da gewesenen Genauigkeit speit Frank hier seinen Ekel auf Papier. Seine Abscheu über einen Mann, der unglücklicherweise sein Erzeuger war. Vor allem aber ein NS-Kriegsverbrecher. Hans Frank war ab 1939 Generalgouverneur in Polen. "Sag hundertmal: Du bist nicht mehr mein Vater! Sag es, und du bleibst doch, was du bist. Da kommst du nicht heraus", steht im Vorwort.

<P>Diese Verzweiflung des Niklas Frank teilten viele Täterkinder. Unter anderem Regisseur Malte Ludin, jüngster Sohn von Hanns Ludin, einem überzeugten SA-Mann und unbarmherzigen deutschen Gesandten in der Slowakei. Während Frank in seinen Familienmemoiren vor Hass über den bestialischen Vater nur so brodelt, nähert sich Ludin dieser Unperson gleichen Namens weitaus subtiler und differenzierter, in einem beeindruckenden und sehr mutigen Psychogramm. <BR><BR>Geschickt arbeitet Ludin die Familienhistorie auf, und man kann sich vorstellen, welche Verletzungen dieses Filmprojekt bei den Angehörigen hinterlassen haben dürfte. Drei ältere Schwestern des Regisseurs leben noch. Die werden befragt. Akribisch, subjektiv, ohne Möglichkeit zur Flucht. Da sitzen Menschen beieinander, die es sich in ihren Anschauungen und Lügen bequem gemacht haben. Die Bilder im Fotoalbum zeigen Hanns Ludin neben Frau und Kindern, mit dem blond gelockten Jüngsten auf dem Arm, und auf der nächsten Aufnahme steht Ludin in SA-Uniform neben Hitler und Himmler, Göring, Goebbels oder Heydrich. In Archiven findet der Sohn immer mehr belastendes Material. In Tonbandaufnahmen tönt die sich überschlagende Stimme des Vaters von der Befreiung des deutschen Volkes. <BR><BR>Allmählich formt sich für den Zuschauer eine Persönlichkeit. Die muss man als Kind erst einmal aushalten können. Und das gelingt den Töchtern nur schwer, wie Gesprächsausschnitte mit den mal immer wütender und leidenschaftlicher, mal immer resignierter werdenden Frauen zeigen. "Mein Recht ist, meinen Vater so zu sehen, wie ich es will", schimpft die älteste Schwester Bärbel einmal entnervt. Alles ist da. Das Vergessen und Verdrängen, das Bestreiten, Beschönigen, Aufrechnen und in der Person des Regisseurs auch das stete Sich-Selbst-Zerfleischen: "2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß" versammelt nahezu sämtliche Mosaiksteinchen des gepflegten Verschweigens angesichts der Gräuel des "Dritten Reiches" zu einem faszinierend lehrreichen Zeitdokument. <BR><BR>(In München: Atelier.) </P><P>"2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß"<BR>Regie: Malte Ludin<BR>Sehenswert </P><P> </P>

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