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Er bleibt bescheiden: „Preise wird es auf jeden Fall für mich nicht geben“, meint Schauspieler Daniel Brühl, der in Hollywood für einen Golden Globe nominiert ist.

Porträt

Daniel Brühl: Viel mehr als ein netter Bursche

München - Selten feiern deutschsprachige Schauspieler große Erfolge in Hollywood. Am Sonntag könnte Daniel Brühl einen Golden Globe gewinnen, den zweitwichtigsten Filmpreis der Welt.

So sieht ein Idealfall für Filmfans aus: Vergangenen Herbst liefen zwei Produktionen mit Daniel Brühl in unseren Kinos. Eine großartige Gelegenheit, die vielen Facetten des Schauspielers zu erleben. In Ron Howards Formel-1-Drama „Rush“ spielt Brühl den österreichischen Rennfahrer Niki Lauda, der in der Saison 1976 nach einem Unfall auf dem Nürburgring in letzter Sekunde aus seinem brennenden Ferrari gerettet wird. Brühl zeigt Lauda als kühlen Zyniker und brillanten Techniker, der alles dem Erfolg auf der Rennstrecke unterordnet – selbst die eigene Gesundheit. Für diese Rolle könnte Brühl am 18. Januar einen SAG-Award gewinnen, den Preis der US-Schauspielergewerkschaft.

Freilich, diese Nominierung ist eine Auszeichnung. Wichtiger ist für Brühl jedoch der kommende Sonntag. Dann vergeben die in Hollywood akkreditierten Auslandsjournalisten ihre Trophäen, die Golden Globes. Auch bei ihnen gilt der Deutsche mit seiner Leistung in „Rush“ als preiswürdig. Spannend sind die Globes zudem aus einem anderen Grund. Schließlich haben sie den Ruf, Barometer für die Oscars zu sein. „Ich bin überglücklich, stolz, absolut sprachlos und völlig von den Socken!“, verriet der 35-Jährige via Facebook, als im Dezember bekannt wurde, dass er im Rennen um die Globes mitmischt.

Untergegangen ist in der Aufregung um „Rush“ indes „Inside Wikileaks“, der zweite im Herbst 2013 gestartete Film mit Daniel Brühl. Das lag vor allem daran, dass Regisseur Bill Condon das Potenzial verschenkt hat, das in der Geschichte der von Julian Assange initiierten Enthüllungsplattform steckt. Es lag ganz sicher nicht an Brühl. Er spielt hier den deutschen Computerfreak Daniel Domscheit-Berg, der einige Zeit zweiter Mann bei Wikileaks war. Brühls Darstellung verwies auch auf jene Figuren, mit denen er – zumindest beim deutschen Publikum – bekannt wurde: die etwas naiven, doch herzensguten Typen, die sich stets am Rande des Scheiterns bewegen, denen aber niemand wirklich böse sein kann.

Typen wie Alexander Kerner in Wolfgang Beckers Tragikomödie „Good Bye, Lenin!“. Alexander lässt im Ost-Berlin nach dem Mauerfall für seine Mutter die DDR weiterleben. Jede andere Nachricht würde sie, die gerade einen Herzinfarkt überstanden hat, wohl umbringen. „Good Bye, Lenin!“ wurde 2003 ein Kinoerfolg, mit mehr als sechs Millionen Zuschauern. Und Alexander Kerner markierte Brühls Durchbruch in Deutschland. Plötzlich war er der „gute Junge des deutschen Films“.

Geboren wurde Daniel César Martín Brühl González Domingo, so sein vollständiger Name, im Juni 1978 in Barcelona. Sein Vater ist der Fernsehregisseur Hanno Brühl, seine Mutter Marisa ist Lehrerin und stammt aus Katalonien. Kurz nach Brühls Geburt zog die Familie nach Köln, wo er aufwuchs und zweisprachig erzogen wurde. Heute lebt er in seiner Geburtsstadt und in Berlin, wo er auch Mitbetreiber der Tapas-Bar „Raval“ ist. Über Jobs als Sprecher bei Hörspiel-Produktionen und im Synchronstudio kam er zum Fernsehen. Kurz war Brühl in der ARD-Daily „Verbotene Liebe“ zu sehen.

Erstmals so richtig aufmerksam wurde man auf den jungen Schauspieler im Jahr 2002, als er mit großer Intensität den psychotischen Studenten Lukas in Hans Weingartners Langfilmdebüt „Das weiße Rauschen“ spielte. Mit dem österreichischen Regisseur drehte Brühl ein Jahr nach dem Erfolg von „Good Bye, Lenin!“ dann „Die fetten Jahre sind vorbei“. Hier war er Jan, ein liebenswerter, realitätsferner Weltverbesserer, der plötzlich einen Mann entführt – und vollkommen überfordert ist. Ein vergleichbares Gefühl der Überforderung lernt auch der schüchterne Kellner David kennen, den Brühl 2009 in der Verfilmung von Martin Suters Erfolgsroman „Lila, Lila“ spielte: Um mit der umschwärmten Literaturstudentin ins Gespräch zu kommen, gibt David ein gefundenes Manuskript als das eigene aus – und verursacht einen Wirbel, der ihn wegzureißen droht.

Doch obwohl Daniel Brühl mit diesen recht ähnlichen Figuren in Deutschland bekannt wurde, wäre es falsch, ihn darauf festzulegen. Er hat auch andere Aspekte seines Könnens gezeigt, nicht erst als Lauda in „Rush“. Allerdings geschah dies oft im Ausland, etwa in Spanien bei „Salvador – Kampf um die Freiheit“ über die letzte Hinrichtung eines Menschen durch die Garotte. Dafür wurde Brühl als einer der wenigen ausländischen Schauspieler für den Goya, den Filmpreis des Landes, nominiert.

Letztlich war es – wie bei Brühls österreichischem Kollegen Christoph Waltz – Quentin Tarantino, der den Deutschen in Hollywood bekannt machte. In dessen vogelwildem Kriegsfilm „Inglourious Basterds“ (2009) spielte Brühl den fiktiven deutschen Scharfschützen Fredrick Zoller. „Ich sehe mich noch immer als 16-Jährigen, als ich ,Pulp Fiction‘ (von Tarantino; Anm. d. Red.), oder drei Jahre später ,A Beautiful Mind‘ (von „Rush“-Regisseur Ron Howard; Anm. d. Red.) gesehen habe: Zu einer Zeit, als mein einziger Traum war, einen klitzekleinen Film in Deutschland zu drehen“, erzählte Brühl unlängst der „L. A. Times“. „Es war dann ganz schön abgefahren und fühlt sich für mich manchmal heute noch komisch an, jetzt bei Premieren mit Ron Howard auf der Bühne zu stehen: Ich arbeite heute mit den Typen, die ich immer bewundert habe.“

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Sollte Brühl am Sonntag einen Globe gewinnen und sollte wenige Tage später gar eine Oscar-Nominierung folgen: Für 2014 hat der Schauspieler angekündigt, „einen Gang runterschalten“ zu wollen und sich „noch genauer auszusuchen“, was er dreht. Zumindest zwei neue Filme mit ihm sind in der Fertigstellung und warten auf Starttermine: In „Ich und Kaminski“ nach dem Roman von Daniel Kehlmann ist Brühl der eitle Kunstkritiker Sebastian Zöllner. Der Film ist nach „Good Bye, Lenin!“ seine zweite Arbeit mit Wolfgang Becker. Und für „The Face of an Angel“ stand er bis Ende Dezember vor der Kamera des Briten Michael Winterbottom. Dessen neuer Film erzählt vom Mord an Meredith Kercher und von der Angeklagten Amanda Knox. Daniel Brühl bleibt also vielseitig.

Michael Schleicher

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