Voller Klischees und doch anders

- Todkranker Autohändler trifft bankrotte Schweinezüchterin und erlebt mit ihr seine große letzte Liebe. Einen Spielfilm mit diesem Inhalt, noch dazu aus deutschen Landen, möchte man eigentlich nicht ansehen. Im Geiste reihen sich sämtliche verfügbaren Klischees zu den Themenkreisen Krankheit, pittoreske Armut und Liebe im Angesicht des Todes aneinander.

Das Ganze garniert mit ein paar hübschen Landschaftsaufnahmen, die auch den eingefleischtesten Stadtfräcken zeigen, dass die Provinz ihre liebenswerten Seiten hat und alle anfangs bärbeißigen Bauern das Herz ausschließlich auf dem rechten Fleck tragen.

Genau so ist "Emmas Glück".

Und doch wieder ganz anders. Intelligenter, kauziger, herzerwärmender und gleichzeitig spröder, dabei stets souverän in der Regie. Trotz des auf den ersten Blick so abgezirkelten und kalkulierten Plots sollte man sich "Emmas Glück" nicht entgehen lassen.

Vibrierende Sinnlichkeit

Verpassen würde man sonst nicht nur Jürgen Vogel, geschickt gegen den Strich besetzt als stromlinienförmiger, duckmäuserischer Autoverkäufer Max, der sein letztes  Stündlein schlagen hört und anfängt, mutig seine Interessen zu vertreten. Nebenbei greift er kurz in die Kasse seines Chefs und haut mit dessen Auto auf Nimmerwiedersehen ab. Die Reise nach Mexiko endet jedoch im Straßengraben vor dem Hof der jungen Schweinezüchterin Emma (Jördis Triebel).

Die herbe Schönheit vom Lande rettet Max das Leben, sagt ihm aber nicht, dass sie die gestohlenen Geldscheine ebenfalls gerettet hat, bevor sein Wagen in Flammen aufging. Verpassen würde man auch die in ihrer Intensität einfach umwerfende Jördis Triebel, die für ihre Titelrolle während des Münchner Filmfests zu Recht mit dem Förderpreis Deutscher Film ausgezeichnet wurde.

Wenn Emma auf der Leinwand zu sehen ist, scheint diese förmlich zu vibrieren vor lauter Vitalität und Sinnlichkeit. Regisseur Sven Taddicken ("Mein Bruder, der Vampir") setzt in diesem anrührenden, unprätentiösen Kammerspiel seine beiden großartigen Darsteller immer wieder so geschickt in Szene, dass man als Zuschauer auch in Momenten höchster Klischeedichte dran bleibt an den zwei kantigen, vom Leben gezeichneten Figuren und bis zum bitteren Ende wissen will, wie's weitergeht.

Seinen besonderen Charme entwickelt "Emmas Glück" aus den Gegensätzen des ungleichen Paares und dem cleveren Schlagabtausch von Jördis Triebel und Jürgen Vogel. Mühelos meistern die zwei den schmalen Grat zwischen Komödie und Tragödie, und Taddicken findet für diese subtile, an die von Kaurismäki erinnernde Liebesgeschichte immer die passend luftig-leichten Bilder. (Ab morgen in München: Maxx, Leopold, Atlantis, Universum.)

"Emmas Glück" mit Jördis Triebel, Jürgen Vogel

Regie: Sven Taddicken

Sehenswert

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