Vorliebe für Opfer

- Er isst gern, liebt die Frauen und das Kino. Ein genussvoller Mensch also, und so lassen sich auch seine Filme genießen. Ein typischer Chabrol-Film ist immer ein fein abgestimmtes Menü aus Drama und Satire. Die Behauptung, er sei der bösartige Sezierer der Bourgeoisie, weist Claude Chabrol empört von sich: "Es geht mir nur um die Wahrheit, um die Menschen, so wie sie sind." Das zu zeigen, sei schließlich die Aufgabe eines Films.

<P>Und so widmet sich der Altmeister der Nouvelle Vague auch in seinem jüngsten Werk "Die Brautjungfer" wieder mal seinem Lieblingsthema: den Flecken auf der Fassade einer auf den ersten Blick so ansehnlichen Familie.</P><P>Chabrol-Filme sind inzwischen fast so eine liebe Gewohnheit geworden wie Ostern, Pfingsten oder Weihnachten alle Jahre wieder. Wie schaffen Sie es, dass das Regieführen nicht zur Pflichtübung wird?</P><P>Chabrol: Das ist vermutlich die schwierigste Aufgabe eines Filmemachers, dass die Arbeit nicht in der Routine erstarrt. Aber es ist mir noch nie so gegangen, und ich fürchte auch nicht, dass es mir jemals passieren wird. Regieführen ist kein Schreibtischjob. Jeder Film bringt mir neue Erfahrungen und neue Menschen. Nein, das wird einfach nie langweilig!</P><P>Neue Menschen gibt es in diesem Film wirklich genug. Es fällt auf, dass die Besetzung deutlich jünger ist als in Ihren letzten Produktionen.</P><P>Chabrol: Naja, schon in meinem letzten Film "Die Blume des Bösen" stand eigentlich das junge Pärchen im Mittelpunkt. Je älter ich werde, umso mehr interessieren mich das Leben und die Gebräuche der jungen Leute. Als ich so im mittleren Alter war, hatte ich keinerlei Zugang zur Jugend. Jetzt betrachte ich deutlich Jüngere immer sehr neugierig.</P><P>Laura Smet, Tochter von Nathalie Baye und Rockstar Johnny Hallyday, spielt die Unheil bringende weibliche Hauptrolle.</P><P>Chabrol: Sie ist fantastisch, nicht wahr? Schwierig war nur, dass sie einen in Wirklichkeit sofort für sich einnimmt und ein sehr reizendes junges Mädchen ist. Für den Part der Senta sollte sie aber anfangs ganz unscheinbar, fast schon unattraktiv wirken. Ganz allmählich sollte sich dann erst die Faszination, die sie auf Philippe ausübt, auch auf den Zuschauer übertragen. Also musste ich ein bisschen mogeln, mit diesem unvorteilhaften Kleid etwa, das Senta zu Beginn trägt.</P><P>Durch die Macht der Liebe wird im Kitschroman immer alles besser. Alle Bösewichter werden auf den Pfad der Tugend zurückgeführt. Bei Senta macht die Liebe zu Philippe alles noch viel schlimmer.</P><P>Chabrol: Ja, ihre negativen Eigenschaften verstärken sich wie unter einem Brennglas. Sie ist von einer monströsen Eifersucht geplagt, gleichzeitig will sie Philippe etwas Gutes tun. Dabei geht sie dann eben auch über Leichen. Das ist unerträglich, natürlich. Aber ich denke, Menschen können so sein. Vielleicht öfter, als man ahnt.</P><P>1995 haben Sie mit "Biester" bereits den Roman "Urteil in Stein" der Schriftstellerin Ruth Rendell adaptiert. Jetzt kommt mit "Die Brautjungfer" zum zweiten Mal ein Rendell-Buch auf die Leinwand. Was gefällt Ihnen besonders an den Werken der Britin?</P><P>Chabrol: Ich schätze alle ihre Romane sehr, und ich liebe ihre Gedankenwelt und die Art, wie sie eine Geschichte langsam entwickelt. Das hat bei ihr stets so eine Sogwirkung, der ich mich nicht entziehen kann. Ich hatte schon immer eine Vorliebe für die Opfer, und die hat Ruth Rendell ganz offensichtlich auch. Mal abgesehen davon, dass wir beide im selben Jahr geboren wurden. Das verbindet ab einer gewissen Altersstufe ganz ungemein.</P><P>Das Gespräch führte Ulrike Frick</P> 

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