Tod in der Vorstadt

- "Die Sonne war schuld!" An diesen zentralen Satz aus Albert Camus' "Der Fremde" fühlt man sich erinnert: in der ersten Szene ein blauer Himmel mit ein paar dünnen Wolken. Unscharfe Bilder, die von fern an Modefotografien erinnern. Ein Perspektivenwechsel, schräg von oben und dann von unten Ansichten der friedlichen, wohlgeordneten Landschaft amerikanischer Vorstädte. Ein Sohn fährt seinen schwer alkoholisierten Vater nach Hause. Ein anderer Junge verbringt seinen Schulweg mit Fotografieren: "Ich arbeite an einer Serie von Zufallsprodukten."

<P>"Elephant" ist der neueste Film von Gus Van Sant. Nach konventionelleren Hollywood-Arbeiten wie "Good Will Hunting" kehrt er wieder zu seinen Anfängen als unabhängiger Filmemacher zurück, zu einfühlsamen Außenseiter-Darstellungen und gesellschaftskritischen Satiren. Mit "Elephant" gewann er im letzten Sommer gleich doppelt: Bei den Filmfestspielen von Cannes wurde er mit der "Goldenen Palme" für den besten Film und die Regie ausgezeichnet. Die Arbeit ist tatsächlich ein großer Wurf: Geschildert wird ein Vormittag im Leben des Highschoolschülers John. Zunächst streift die Kamera durch die zugleich sonnendurchfluteten wie öden Gänge der Schule. Nur wenige Menschen sind zu sehen. Die Figuren wirken klein und nebensächlich, die Bilder strahlen Leere und Einsamkeit aus. Vor und zurück wandert der Erzählfluss im Zeitkontinuum. Mal sieht man John, dann das Paar Nathan und Carrie, ein Mädchen in der Bibliothek, den Sportcrack, Lehrer, drei Freundinnen. Korridore, lange Wege. Dazu erklingt Barockmusik. <BR><BR>Der Film arbeitet formal mit kleinen, sehr unscheinbaren Verzögerungen, mit Zeitlupen und Geräuschen: Plötzlich wird es laut. Oder ganz still. Die Subjektivität der Wahrnehmung der Einzelnen ist das Bestimmende. So webt "Elephant" ein dichtes Netz aus Fragmenten, aus Bildern und Tönen, die sich im Gehirn des Zuschauers zum Bewusstseinsteppich fügen. Wie dies stilistisch geschieht, ist großartig. Nicht minder bewundernswert ist, wie Van Sants Porträt einer Gruppe von Highschool-Kids die Verträumtheit der Pubertät einfängt, beiläufige Bilder für Tristesse und Orientierungslosigkeit findet und dabei doch aufs Moralisieren verzichtet. Eher erinnert sein schweifender Blick an die Filme von Larry Clark, der ja auch seinen jugendlichen Charakteren näher ist, als erwachsenen Wertebewahrern. "Elephant" mündet in einen Amoklauf, der vom Massaker an der Columbine-Highschool in Littleton inspiriert ist. Frappant ist der Unterschied zwischen diesem kleinen, feinen Film und Michael Moores grellem, halbstarken "Bowling for Columbine", der es sich oft zu einfach machte. Van Sants so verstörender wie intensiver Film will zunächst gar nichts erklären, sondern erst einmal genau hinsehen.<BR><BR>Schuld sucht er nicht, vermeidet schnelle Zuweisung von Verantwortung, gibt vielmehr eine Ahnung davon, dass Camus' fremder Held womöglich Recht haben könnte und dass an manchen Morden wirklich nur die Sonne Schuld trägt. Oder die Wolken. Ein Meisterwerk! </P><P>(In München: Atlantis i. O.) <BR><BR>"Elephant"<BR>mit Alex Frost, Eric Deulen<BR>Regie: Gus Van Sant<BR>Hervorragend </P>

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