Wahn des Voyeurs

- Sy lebt eine Ersatzexistenz. Tagsüber führt der Junggeselle ein farbloses Dasein als devoter Fotolaborchef in einem Supermarkt. Am Abend schaut er sich die Bilder einiger Kunden, die ihm mehr als andere ans Herz gewachsen sind, genauer an, fährt auch mal am Haus besonders sympathischer Familien vorbei, gafft durchs Fenster und fantasiert sich zunehmend in deren Leben hinein. Am meisten interessiert Sy sich für die Yorkins, eine süße Bilderbuchfamilie. Mehr und mehr steigert sich diese Zuneigung zu einem Wahn. Eines Tages beginnt Sy, in das Schicksal der Yorkins aktiv einzugreifen.

<P>"One Hour Photo", das Debüt des Werbe-Regisseurs Mark Romanek, zeigt einen Normalmenschen in der Krise _ eine Monstergattung, der man zuletzt im Kino weitaus häufiger begegnet als über die Leinwände schlurfenden Zombies. In einem glanzvollen Auftritt, einem seiner besten überhaupt, gibt Robin Williams diesen Sy zunächst als harmlos-verschrobene Mischung aus Kafkas Josef K, Melvilles Bartleby und Woody Allens Zelig: ein fast unsichtbarer Durchschnittler, für den keiner mehr als nur desinteressiertes Lächeln übrig hat.</P><P>Doch eines Tages setzt dieser über Fotografie schwätzende Langweiler und Voyeur seine Fantasien in die Tat um, läuft Amok. Und aus dem Angestellten, der maschinengleich völlig auf seine Funktion reduziert scheint, wird wieder ein Mensch, den alle wahrnehmen (müssen).</P><P>Formal ist dies in zwingende, fast schon übertrieben klare Bilder umgesetzt, durch die die Werbefilm-Herkunft Romaneks unübersehbar hindurchscheint, ohne je zur schicken Oberfläche zu werden. Die sorgfältig stilisierte Ausstattung und eine so subtile wie konsequente Farbdramaturgie harmonieren mit stillem Horror. In der Verkrampftheit von Sys Sehnsüchten _ nach der Kleinfamilie, nach Anerkennung _ dekonstruiert der Regisseur die Banalität aller Wunschträume. (In München: Gabriel, Museum i. O.)</P><P>"One Hour Photo"<BR>mit Robin Williams, Connie<BR>Nielsen, Michael Vartan<BR>Regie: Mark Romanek<BR>Hervorragend </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Vorwurf von Tierquälerei - Film-Premiere abgesagt
Los Angeles - Nach einem Tierquälerei-Skandal sind die Premiere und Pressetermine zu dem Hundefilm „Bailey - Ein Freund fürs Leben“ kurzfristig abgesagt worden.
Vorwurf von Tierquälerei - Film-Premiere abgesagt
Filmkritik zu „Personal Shopper“: In der totalen Einsamkeit
München - Olivier Assayas „Personal Shopper“ lebt von dem Talent seiner Hauptdarstellerin und driftet nicht in eine Grusel-Persiflage ab.
Filmkritik zu „Personal Shopper“: In der totalen Einsamkeit
Filmkritik zu „Verborgene Schönheit“: Zu viel Pathos
München - David Frankels Drama „ Verborgene Schönheit“ setzt zu sehr auf Symbolik und ein allzu schöngefärbtes Happy End.
Filmkritik zu „Verborgene Schönheit“: Zu viel Pathos
Der schweigsame Onkel: Filmkritik zu „Manchester by the Sea“
München - „Manchester by the Sea“ trumpft vor allem im zwischenmenschlichen Bereich auf. Es geht um Verantwortung und Familie.
Der schweigsame Onkel: Filmkritik zu „Manchester by the Sea“

Kommentare