Wahn und Willkür

- Ein Land in Angst. Jeder, der auch nur ansatzweise verdächtig ist, nicht zu 100 Prozent patriotisch der Nation zu dienen, der ist suspekt und riskiert zumindest seinen Arbeitsplatz. Es gibt sogar offizielle Richtlinien, die bestimmen, wie das im Einzelfall festzustellen ist. Natürlich klingt das nach einer Diktatur. Oder nach den USA im Jahr Fünf nach den Anschlägen des 11. September.

Genau das ist die Absicht von George Clooney, der mit seiner zweiten Regie-Arbeit "Good Night, And Good Luck" eine der düstersten Perioden amerikanischer Geschichte beleuchtet. Die McCarthy-Ära, in der zwischen 1948 und 1953 Tausende von unbescholtenen Bürgern zu Parias gemacht wurden, ist das Thema. Genauer gesagt das Ende der Schreckensherrschaft des Senators Joseph McCarthy, dem es gelungen war, mit seinem Ausschuss für unamerikanische Umtriebe die Gesellschaft nachhaltig zu vergiften.

Clooney, der auch das Drehbuch geschrieben hat, greift den authentischen Fall des US-Soldaten Milo Radulovich auf, der das Ende der McCarthy-Willkür einleitete. Radulovich hat das Pech, montenegrinischer Herkunft und Sohn eines Vaters zu sein, der mit Titos Partisanen sympathisierte. Das reichte seinerzeit: Radulovich wird unehrenhaft aus der Armee entlassen.

Die alten US-Probleme sind nicht überwunden

Aber der junge Mann wehrt sich und wendet sich an das Fernsehen. In der Sendung "See It Now" wird die Affäre thematisiert und indirekt der scheinbar allmächtige Senator McCarthy angegriffen. Die Sache eskaliert.

Die Behörden müssen eingestehen, dass sie Radulovich nichts nachweisen können, und der Moderator der Sendung, Edward Murrow (David Straithairn mit unangestrengt souveräner Präsenz), ergreift die Chance, die Bespitzelungen anzugreifen. McCarthy empfindet das als Majestätsbeleidigung und beginnt eine Fehde mit dem Nachrichtenmann und dem Fernsehen. Wäre es nicht wahr, wäre das Folgende unerträglich melodramatisch: Der Senator und der Moderator stehen sich zur besten Sendezeit im Duell gegenüber. Und dies beendet einen bösen Spuk. Das Land sieht einen vom Alkohol gezeichneten, von Wahnvorstellungen geplagten Politiker.

Clooney ist clever genug, die Rolle des psychopathischen Kommunistenhassers nicht mit einem Schauspieler zu besetzen, sondern auf Archivmaterial zurückzugreifen. Das unter anderem ist ein Motiv dafür, den Film in Schwarz-Weiß zu halten - die alten TV-Aufnahmen fügen sich makellos ein. Aber das ist nicht der einzige Grund. Die elegante Ästhetik, die Clooney virtuos in seine Bilder packt, unterstreicht die historische Dimension der Geschichte. Zugleich verleiht er seinem offen parteiischen Werk eine zeitlose Aura.

Die Probleme, die Amerika vor einem halben Jahrhundert hatte, sind nicht überwunden - sie sind virulenter denn je. Packend, emotional und am politisch engagierten Kino der 70er-Jahre orientiert, bezieht Clooney Stellung und beweist neben immensem Gespür für subtile Spannungsbögen auch große Kenntnis der Fernsehbranche. Nicht von ungefähr, schließlich war Clooneys Vater ein TV-Redakteur. Der Film ist nicht zuletzt ein Salut an eine Generation von Journalisten, die als Pioniere unerschrocken Grenzen ausloteten und Position bezogen. Aber das ist lange her.

"Good Night, And Good Luck", also "Gute Nacht und viel Glück", war die legendäre Abmoderation von Edward Murrow. Hier wirkt es wie ein bitterer Abschiedsgruß. Die guten Zeiten des Fernsehens sind vorbei, und es ist niemand mehr da, um die McCarthys unserer Zeit zu demaskieren. (Ab morgen in München: Mathäser, Arri, Leopold, Atlantis, Cinema i.O.)

"Good Night, And Good Luck" mit George Clooney, David Strathairn

Regie: George Clooney

Hervorragend

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