Die Wahrheit hinter den Spiegeln

- Die Show ist verlogen. Man sieht es Lanny und Vince an, bevor sie auf die Bühne treten und ihr routiniertes Lächeln aufsetzen: Sie sind am Ende. Aber noch einmal muss ihr Auftritt beginnen, bevor das Komiker-Duo sich trennen wird. So beginnt der neue Film von Atom Egoyan im Wettbewerb von Cannes.

<P> Zum ersten Mal hat Egoyan einen Kostümfilm gedreht, doch auch die Zeitreise in die goldene Zeit der TV-Unterhaltung zwischen den späten 50er- und den frühen 70er-Jahren ändert nichts daran, dass "Where the Truth Lies" ein typischer Egoyan-Film geworden ist, in seinen Erzählebenen und Zeitsprüngen so verschachtelt, in seiner Aussage so doppelbödig wie der Titel: "Wo die Wahrheit liegt" - oder "lügt". </P><P>Es geht um das Geheimnis der Karriere des Erfolgsduos. Die Wahrheit aber liegt hinter den Spiegeln: "Alice im Wunderland" trifft das Showbiz - eine Detektivgeschichte zwischen Sein und Schein, virtuos und sehr dicht inszeniert, hervorragend gespielt von Kevin Bacon, Colin Firth und der 25-jährigen Alison Lohman als Überraschung des Films. Chancen auf die Goldene Palme dürfte Atom Egoyan ("Das süße Jenseits") diesmal aber nicht haben. "Where the Truth Lies" fehlt der Biss, der einen Sieger ausmacht. </P><P>Den findet man in anderen Filmen, die um die Goldene Palme konkurrieren: "Caché´" von Michael Haneke und "Last Days" von Gus van Sant. Ihnen ist eine Grundstruktur gemeinsam: Zunächst passiert scheinbar wenig, dann kommt es zu einem Gewaltausbruch. Gus van Sant, der hier vor zwei Jahren mit "Elephant" triumphierte, porträtiert wieder eine Gruppe Jugendlicher.</P><P>Im Mittelpunkt steht Blake, ein Rockmusiker. Man sieht dem ständig zugedröhnten, fortwährend Unverständliches murmelnden bei seinem Leben zu. Ganz offen spielt Van Sant auf das Schicksal des Nirvana-Sängers Kurt Cobain an, der sich vor elf Jahren selbst erschoss - und so ahnt man früh, wie das Ganze enden muss. Weitaus unklarer ist, was der Film eigentlich erzählen will. Was "Last Days" trotzdem zu einer aufregenden Erfahrung macht, ist seine Bildsprache: meditative Einstellungen, hohe Konzentration und unverwechselbare Momente. </P><P>Am meisten überzeugen konnte bisher Michael Haneke. Der Österreicher hat wieder in Frankreich gedreht, mit Juliette Binoche und Daniel Auteuil. "Caché´" handelt von der Kultur der Angst: Zwei Pariser Intellektuelle erhalten anonyme Botschaften mit gewalttätigem Inhalt. Hanekes moralischer Thriller dreht sich um das Schuldgefühl, das auch entsteht, wenn man nicht schuldig ist, um die Rückkehr der Repression - unter dem Mantel der Sicherheit - in die Gesellschaften des Westens und um den Umgang mit schwierigen Erinnerungen. Ein aufregender Film, dessen Regisseur dem Zuschauer alle leichten Auswege verbaut; hervorragend inszeniert und besonders in der Schauspielführung einer der besten Filme Hanekes. Begeisterung bei Kritik und Publikum. </P><P>Ob die sich auch bei Lars von Triers "Manderlay" einstellt, muss sich noch zeigen. Auch diesmal gibt von Trier wieder den Quälgeist des Weltkinos, und die Attitüde, mit der sich der Däne zum neuen Brecht stilisiert, kann schon nerven. Trotzdem hat er einiges zu sagen und sollte auch jenen, die seine Filme nicht mögen, die Auseinandersetzung wert sein. "Manderlay" ist eine Fortsetzung von "Dogville", ein Lehrstück der kärglichsten Art, stilistisch ein Déjà-vu. </P><P>Die Erlebnisse der jungen Grace, diesmal hinreißend von Bryce Dallas Howard gespielt, führen in die US-Südstaaten. Sklaven werden befreit, doch es stellt sich heraus, dass sie die Gesetze einer humanen Sklaverei den Gefahren der Freiheit vorziehen.<BR></P>

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