Wandern durch dünne Luft

- So sperrig oder gewollt skurril der Titel auch wirken mag: Dies ist eine der besten und unterhaltsamsten Dokumentationen der letzten Jahre. So flott wie "Fahrenheit 9/11", so gefühlvoll wie "Rhythm is it!" und klüger als beide zusammen erzählt "37 Uses for a Dead Sheep" ("37 Verwendungsweisen für ein totes Schaf") die merkwürdige Geschichte der Pamir-Kirgisen.

Sie lebten Ende des 19. Jahrhunderts im Grenzland zwischen Russland und China. Als Nomaden zogen sie in dünner Luft durch das Hochgebirge, kümmerten sich um ihre Schafe und ihre Yaks, jene exotischen, riesigen, vollständig behaarten asiatischen Rinder, die rosafarbene, fette Milch geben. Dabei bewahrten die Pamir-Tartaren ihren überlieferten Lebensstil, zu dem nicht zuletzt die vollständige "Vernutzung" des Schafs gehört - das sind die "37 Verwendungsweisen", die den Film strukturieren.

Nach der Oktoberrevolution 1917 flohen diese Menschen vor der Eingliederung ins Sowjetsystem auf chinesisches Gebiet, doch eine Generation später griff Maos Agrarreform, die Nomadentum nicht erlaubte. Also floh man nach Afghanistan, bevor 1980 auch hier die Sowjets einmarschierten. Die vorletzte Station dieser Odyssee, bei der die paar Tausend Pamir-Kirgisen immer ihre rund 20 000 Tiere mitführten, war die schlimmste: ein Flüchtlingslager in Pakistan, wo zwei Drittel des Viehbestands starben. Das Volk schrieb an über 140 Staaten und fragte nach günstigen Aufnahmebedingungen - zwei sagten zu: der US-Bundesstaat Alaska und die Türkei, in deren Osten die Kirgisen bis heute leben.

Der 1969 in Hongkong geborene Engländer Ben Hopkins fand Zugang zu den Tartaren. In seiner wunderbaren Dokumentation, die in Berlin den Caligari-Preis gewann, erzählen sie selbst ihre Geschichte in nachgestellten Szenen im Look alten Filmmaterials. Dazu mischt Hopkins verschiedene Film-Stile. Weil er kein trockener Doku-Archivar ist, sondern ein liebevoller und neugieriger Regisseur, ist dies ein humaner Film geworden, der als soziokulturelle und politische Reflexion funktioniert, ohne je dröge zu werden.

Doch alles Lob kann dem einmaligen Charme dieses Films doch nur unzureichend gerecht werden. Der Zuschauer reist durch die Absurdität der politischen Verhältnisse des 20. Jahrhunderts, erfährt viel über die Lebensweise dieser untergehenden Kultur, über 37 Dinge, die man mit einem geschlachteten Schaf anstellen kann - aber auch über die Kirgisen-Enkel, für die die Vertreibung der Vorfahren offenbar kein Trauma bedeutet: Es sind junge, moderne Türken, die in Istanbul als Mediziner Karriere machen oder davon träumen, ein Internet-Café´ zu eröffnen. Von Pamir, dem Land ihrer Großeltern, wollen sie nichts wissen. Und die Lebensweise ihrer Väter und Mütter - da ergeht es den Kirgisen nicht anders als den meisten bayerischen Bauern - wollen sie auf keinen Fall übernehmen. (Ab morgen in München: City i.O.)

"37 Uses for a Dead Sheep"

Regie: Ben Hopkins

Hervorragend

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