Wanderungen zwischen den Welten

- "Wohin auch immer dein Weg führt, versprich mir, dass du nie ankommst." Simon Rattle, der Dirigent der Berliner Philharmoniker, hat diesen Rat bekommen von einem seiner Lehrer. Immer etwas Neues wagen, unterwegs bleiben und sich Ziele setzen, Rattle gibt den Tipp weiter, im Film "Rhythm is it!", der am Freitag in München zur Eröffnung des Internationalen Dokumentarfilmfestivals (Dok.Fest) gezeigt wird. Er erzählt von einem Projekt, bei dem Schüler aus 25 Ländern Strawinskys Ballett "Le Sacre du Printemps" einstudieren sollten; Jugendliche, die nie daran dachten, je auf der Bühne zu stehen, schon gar nicht tanzend. Traut euch, muss man ihnen immer wieder eintrichtern, habt keine Angst, Unbekanntes zu probieren. Ballett als Lebensschule, als Erziehungsanstalt, jubiliert der Film.

<P>"Rhythm is it!" ist eine von 90 Produktionen, die das Dok.Fest bis zum 15. Mai präsentiert. Das Festival erlebt mittlerweile seine 19. Auflage, und es hat sich zu einem Schaufenster des internationalen Dokumentarfilms gemausert. "Die besten Filme des Jahres" will man zeigen, zusammen mit spannenden Nachwuchs-Produktionen, erklärt Festivalleiter Hermann Barth und betont, dass alle Filme echt kinotauglich wären. Insbesondere die des Wettbewerbs natürlich, die um den Dokumentarfilmpreis des Bayerischen Rundfunks und den Preis für den besonderen Dokumentarfilm konkurrieren. Hochglanz-Produktionen sind dies meistens, unterstützt von Fernsehsendern oder der Filmförderung. Selbst Lars von Trier taucht auf, als Co-Regisseur von "The Five Obstructions".</P><P>Grenzüberschreitungen<BR><BR>In den unübersichtlicheren, weil größeren Nebensektionen könnten sich jedoch die wahren Perlen verstecken, im Internationalen Programm oder der Reihe Aspects of Future. "Omulaule heißt schwarz" zum Beispiel, der schön ist, weil er eine wenig bekannte Geschichte erzählt; von Kindern, die, in Namibia geboren, in der DDR aufgewachsen sind und nach der Wende wieder nach Afrika zurückgeschickt wurden. Der Film porträtiert junge Menschen, die davon träumen, irgendwo anzukommen und Wurzeln zu schlagen.<BR><BR>Überhaupt beherrscht das Thema der Grenzüberschreitung, der erzwungenen Wanderung zwischen den Welten das Programm. Nicht jeder liebt das Nomadenleben, wie "Die Thuranos", die Artistenfamilie, die um die halbe Welt gereist ist. Aus den israelischen und palästinensischen Beiträgen - einem Schwerpunkt des Festivals - spricht eine andere Sprache. Die Sehnsucht nach Frieden, Ruhe und Stabilität prägt den verstörenden "Checkpoint" oder das Viereinhalb-Stunden-Werk "Route 181". Simon Rattles Weisheit wirkt hier fast zynisch.</P><P>Tel. 089/23 32 48 88 oder: www.dokfest-muenchen.de.<BR></P>

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