Warten auf Godots Krieg

- Das Schicksal ereilt Anthony Swofford, genannt Swoff, auf dem Klo. Sein neuer Drill-Sergeant findet ihn dort und teilt ihm mit, dass er sich am nächsten Tag einfinden soll, um seine Ausbildung zum Scharfschützen anzutreten. Ob das ein Befehl sei, fragt Swoff und bekommt zur Antwort: "Nein, eine Ehre." Als US-Marine wird Swofford bald in die Wüste geschickt. Man schreibt 1991, und die Weltgemeinschaft unter Führung der USA will Kuwait von irakischen Truppen befreien.

Den ersten Golfkrieg zeigt "Jarhead" aus der Perspektive eines Soldaten, der dabei ist und doch nicht die geringste Ahnung hat, was vor sich geht. Die Geschichte beruht auf einem Buch, in dem der Ex-Soldat Swofford seine Erfahrungen aufgezeichnet hat. Es überrascht nicht, dass sich Sam Mendes für diesen Stoff interessierte.

Surreale Kulisse

Das ehemalige Wunderkind des britischen Theaters hat die einzigartige Qualität dieser Szenerie erkannt: ein Soldat, der auf der vergeblichen Suche nach einem unsichtbaren Feind durch die Wüste stolpert und keinen einzigen Schuss abgeben darf, obwohl ihm alle sagen, dass Krieg ist - das hätte auch von Eugène Ionesco sein können. Mendes ist nun zwar vor allem als Filmregisseur tätig ("American Beauty"), aber er ist dem Kino noch nicht verfallen. Und er lässt sich einen Seitenhieb auf die Gefahr, die von schönen Bildern ohne Inhalt ausgeht, nicht entgehen: Soldaten sehen sich das aufgeblähte Kriegs-Spektakel "Apocalypse now" an und bejubeln frenetisch eine der sorgsam choreographierten Zerstörungsorgien.

Bei Mendes ist die Gefahr gering, falsch verstanden zu werden. Er kleistert nicht einfach mit Bildern zu, sondern setzt in Szene. Die Wüste ist die surreale Kulisse, vor der seine Protagonisten sinnlose Dinge tun, weil sie keine Aufgabe haben. Der erste Golfkrieg, von den Militärs mediengerecht als "intelligenter Krieg" angepriesen, findet ohne Feindberührung statt. Ferngesteuerte Raketen bomben alles in Grund und Boden, während die US-Armee hinter den Linien abwartet. Die wahre Bedrohung ist Langeweile, durch die Männer unmerklich zu kriegslüsternen Soldaten mutieren, die es kaum erwarten können zu schießen, zu zerstören, zu morden. Auf sich selbst zurückgeworfen, ringen sie mit ihren Dämonen.

Mendes inszeniert das wie ein Kammerspiel - und in der Weite des Raums verstärkt das den Eindruck völliger Absurdität. Nach klassisch psychologischem Muster gibt es drei Hauptfiguren, die grob das Ich, das Über-Ich und das Es repräsentieren. Der Ausbilder, den Jamie Foxx mit lustvoller Grandezza gibt, ist die Kontrollinstanz, die die Spielregeln diktiert. Das triebgesteuerte Es ist der merkwürdig dumpfe Troy (subtil und beängstigend: Peter Sarsgaard), während Swoff als hin- und hergerissenes Ich zunehmend aus der Balance gerät.

Jake Gyllenhaal stellt ihn mit dem Mut zu unsympathischen Zügen dar und vermeidet unter der Anleitung von Mendes jedes falsche Pathos, selbst wenn er theatralische Posen einnimmt. Zum Beispiel wenn Swoff sich bei Granatenbeschuss mit ausgebreiteten Armen auf den Schützengraben stellt. "Jarhead" ist kein Anti-Kriegsfilm, weil es so etwas nicht gibt, sondern ein zutiefst verstörender, visuell brillanter Essay über Menschen, die Krieg führen. Denn Krieg, darauf besteht Mendes, ist kein eigenständiges Phänomen, sondern existiert nur, weil wir uns dafür entscheiden.

"Jarhead"

mit Jake Gyllenhaal, Jamie Foxx

Regie: Sam Mendes

Hervorragend

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