Weibliche Hinterlist und seelischer Gewaltakt

- Als "Kino für Gourmets" kündigte das Münchner Filmfest in diesem Jahr seine französische Sektion "Nouveau Cinéma Français" an. Und in der Tat ist für jeden Geschmack etwas dabei in diesem opulenten Buffet cineastischer Delikatessen.

<P>Beispielsweise ein auf der Zunge zergehendes Horsd'oeuvre wie das neueste Werk von Alain Resnais, die muntere Operette "Pas sur la bouche". 82 Jahre ist Resnais inzwischen alt, und man mag es kaum glauben, dass ein gesetzter Herr noch eine derart leichtfüßige, vor Jugendlichkeit schier berstende Liebeskomödie auf die Leinwand zaubern kann. In den Zwanziger Jahren spielt die Handlung, die sich eng anlehnt an eine Operette von André Barde. </P><P>Sabine Azéma, Audrey Tautou und Isabelle Nanty werfen mit weiblicher Hinterlist ihre Netze aus, es wird viel gesungen, und Resnais entführt den Zuschauer in ein wunderbar komponiertes, farbenfrohes Porträt vergangener Tage. Es dauert zwar etwas, bis man sich an die statische Erzählweise gewöhnt hat und darin den eigentlichen, Resnais-typischen Clou entdeckt, aber die Geduld lohnt sich.</P><P>Ähnlich bunt, voller Fantasie und Schwung ist Yann Samuells Liebesgeschichte "Jeux d'enfants". Mit vielen originellen Ingredienzien rührt Samuell, der sich als Maler in Frankreich längst einen Namen gemacht hat, in seinem Spielfilmdebüt ein scharf konturiertes Bild zweier Menschen an, die durch ihre waghalsigen Spielchen den Blick für das verlieren, was eigentlich zwischen ihnen steht: die Liebe. </P><P>Kunterbunt ist diese berührende Love Story, die Samuell ins Gewand einer schwarzen Komödie gehüllt hat und in der sich die beiden Hauptdarsteller bis zum finalen "Je t'aime" über Jahrzehnte hinweg mit den absurdesten Mutproben quälen.</P><P>Ebenfalls noch als Neuzugang in der französischen Filmszene kann Nicolas Boukhrief gelten. Ehemals Assistent von Andrej Zulawski, arbeitete er bis zu seinem Thriller "Le Convoyeur" mit Matthieu Kassovitz und Gaspar Noé zusammen. Sein "Le Convoyeur" zeigt die Einflüsse von Kassovitz recht deutlich: Metallisch glänzend, eiskalt und scharfkantig wie ein Messer fährt sein hochspannender Film dem Zuschauer mitten ins Herz. </P><P>Dabei ist das Ambiente wenig spektakulär: Boukhriefs Film spielt im Milieu der Geldtransporteure, zwischen muffigen Umkleideräumen, engen Hotelfluren und einsamen Waldwegen. Verhärmte Männer in Uniformen, jenseits jeglicher Charme- und Haltbarkeitsgrenzen, reiben sich in einem zermürbenden Nervenkrieg aneinander auf.</P><P>Zartbitter, zuckersüß</P><P>Noch selbstquälerischer und Nerven zerrüttender erscheint das Arrangement, das Hauptdarstellerin Fanny Ardant in "Nathalie . . ." trifft. Sie heuert eine Prostituierte (Emmanuelle Béart) an, die ihren auf amourösen Abwegen wandelnden Gatten (Gé´rard Depardieu) überführen soll. Die Treffen, in denen der Lockvogel der eleganten Hausfrau von den gemeinsamen Stunden mit dem Ehemann in diversen Hotels berichtet, geraten zu einem aufwühlenden Psychokrieg der Frauen. </P><P>Die Regisseurin Anne Fontaine hat diesen seelischen Gewaltakt in ruhige, elegant fotografierte Bilder gefasst. Das Zucken von Fanny Ardants Mundwinkel, das Zittern ihrer Hände oder die nachlässige Gleichgültigkeit, in der sich Emmanuelle Béart die blonde Mähne aus dem Gesicht streicht - "Nathalie . . ." verkörpert das andeutungsreiche, klassische französische Kino in Reinkultur.</P><P>Die Auswahl des Programms, um das Leitmotiv der diesjährigen französischen Filmfest-Reihe wieder aufzunehmen, ist wie ein exquisites Essen in mehreren Gängen: Liebe, Eifersucht, Betrug und Mord - für jeden ist etwas dabei. Nicht alle sind auf Anhieb Lieblingsspeisen. Aber der Nachgeschmack ist stets wunderbar. Mal eher zartbitter, mal zuckersüß.</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Vorwurf von Tierquälerei - Film-Premiere abgesagt
Los Angeles - Nach einem Tierquälerei-Skandal sind die Premiere und Pressetermine zu dem Hundefilm „Bailey - Ein Freund fürs Leben“ kurzfristig abgesagt worden.
Vorwurf von Tierquälerei - Film-Premiere abgesagt
Filmkritik zu „Personal Shopper“: In der totalen Einsamkeit
München - Olivier Assayas „Personal Shopper“ lebt von dem Talent seiner Hauptdarstellerin und driftet nicht in eine Grusel-Persiflage ab.
Filmkritik zu „Personal Shopper“: In der totalen Einsamkeit
Filmkritik zu „Verborgene Schönheit“: Zu viel Pathos
München - David Frankels Drama „ Verborgene Schönheit“ setzt zu sehr auf Symbolik und ein allzu schöngefärbtes Happy End.
Filmkritik zu „Verborgene Schönheit“: Zu viel Pathos
Der schweigsame Onkel: Filmkritik zu „Manchester by the Sea“
München - „Manchester by the Sea“ trumpft vor allem im zwischenmenschlichen Bereich auf. Es geht um Verantwortung und Familie.
Der schweigsame Onkel: Filmkritik zu „Manchester by the Sea“

Kommentare