Die weichen Seiten der Cowboys

- Der aus Taiwan stammende Amerikaner Ang Lee ist schon lange ein Grenzgänger zwischen West und Ost. Immer wieder hat der 51-Jährige, der seit 30 Jahren in Amerika lebt, seine doppelte Zugehörigkeit thematisiert. Gleich vier Oscars gewann er im Jahr 2001 für "Tiger & Dragon". Sein neuester Film, "Brokeback Mountain", geht sogar mit acht Nominierungen bei der Oscar-Nacht an diesem Sonntag ins Rennen.

Der Film beginnt wie ein normaler Spätwestern. Sommer 1963. Zwei junge Männer hüten in den Bergen von Wyoming Schafe. Die Tage sind einsam und die Nächte kalt, und so werden die beiden - auch für sich selbst überraschend - zum Liebespaar. Und dies bleiben sie während der folgenden 20 Jahre, trotz Heirat und Kindern, immer für ein paar "Angelausflüge" am Wochenende. Das eigentliche Thema des Films: wie einer sein Leben und sein Lebensglück verpasst, weil ihm der Mut fehlt, seinen wirklichen Neigungen zu folgen.

Nach dem Bürgerkriegsfilm "Ride with the Devil" haben Sie jetzt zum zweiten Mal eine Art Western gedreht . . .

Ang Lee: "Ride with the Devil" war eher eine Art Prä-Western. Erst die letzte Szene verweist auf den Western.

Und "Brokeback Mountain" ist dann ein Post-Western, oder wie würden Sie ihn bezeichnen?

Lee: Ja, ein Post-Western. Manchmal fragen die Leute mich, warum ich das Genre verdrehe. Dann antworte ich ihnen: Wahrscheinlich bin ich verdreht. Denn mein Film zeigt die Realität des Landlebens im amerikanischen Westen. Was wir im Western als Filmgenre zu sehen bekommen, ist meiner Meinung nach reine Erfindung: Revolverhelden. Machotum. Ignoriert wurde der Hintergrund, die Komplexität. Mir war schnell klar, dass ich beide Seiten zeigen wollte: einerseits die Macho-Haltung, andererseits die weicheren Seiten der Cowboys. Sie haben große Achtung vor der Natur, sie kümmern sich um ihre Tiere, sie bemuttern sie regelrecht. Voller Zärtlichkeit. Aber zueinander sind sie brutal. Erst wenn man sie kennenlernt, sieht man ihre gefühlvolleren Seiten.

Ihre Filme drehen Sie zumeist an Originalschauplätzen außerhalb eines Studios. Sie mögen sie nicht besonders?

Lee: Studios können sehr angenehm sein. Aber sie sind nicht immer besonders realistisch. Darum gehe ich lieber an Originalschauplätze. Womit ich nicht sagen will, dass man nicht sehr viel tricksen kann. Aber gerade manche Schwierigkeiten, die Widerständigkeit eines Ortes, an dem nicht alles möglich ist, kann sehr inspirierend sein. Weil Film ein fotorealistisches Medium ist, ist Detailfülle der beste Weg, um das Publikum dazu zu verführen, eine nichtrealistische, emotionale Welt zu betreten. Außenaufnahmen sind aber oft sehr anstrengend. Einige unserer Szenen draußen im Sommerlager der beiden Hauptfiguren hätte man viel bequemer in einem Studio drehen können anstatt in der Kälte Kanadas.

Warum lassen Sie die Geschichte von "Brokeback Mountain" in den 60er- und 70er-Jahren spielen? Hätte es nicht Vorteile gehabt, sie in die Gegenwart zu legen?

Lee: Nun, eine schwule Liebesgeschichte im Westen ist in jenen Tagen schwieriger gewesen, komplizierter, privater. Davon abgesehen: Annie Proulx' Kurzgeschichte, die dem Drehbuch zugrunde liegt, spielt in dieser Zeit. Ich denke, in unseren Tagen wäre das alles ein geringeres Problem. Die Gefühle wären in gewisser Hinsicht weniger rein. Das sage ich, weil Anfang der 60er noch viele Informationen fehlten.

Inwiefern?

Lee: Die beiden haben keinen Wortschatz, um sich auszudrücken, um auch nur ihr eigenes Benehmen zu verstehen. Besonders für Ennis gilt das. Alles, was er fühlt, ist entweder verzerrt oder sehr privat. Erst 20 Jahre später begreift er, was er verfehlt hat. Ich denke, das ist sehr berührend.

Wie haben Sie Ihre Hauptdarsteller gefunden?

Lee: Ich habe wenige angefragt, nicht alle haben geantwortet, bei anderen konnte man die Nervosität riechen - in Bezug auf das Thema "Homosexualität". Bei diesen beiden gab es kein Problem. Für mich ist das Thema Herausforderung genug, da wollte ich keine zusätzlichen Schwierigkeiten.

Waren die Liebesszenen besonders heikel?

Lee: Nein. Wir haben uns ganz normal vorbereitet und über diese Szenen nicht eigens gesprochen. Das Wichtigste war, dass sie emotional in die Story hineinkamen. Davon abgesehen ist es mir selbst immer peinlich, über Sexszenen jeder Art zu viel zu reden. Die Darsteller sind Profis, die wissen schon, wie das geht.

Wissen Sie denn, wie verbreitet Homosexualität unter den "harten Männern" ist?

Lee: Ich habe keine Studie darüber. Aber es sind mehr, als man glaubt. Die Übergänge sind fließend, und die menschliche Natur ist kompliziert: Wie nahe liegt eine Berührung bei einem Ringkampf an einer zärtlichen Geste.

Ging es Ihnen mit diesem Film darum, etwas für die Rechte der Homosexuellen zu tun?

Lee: Nein, darum ging es nicht. Das ist einfach eine große amerikanische Liebesgeschichte.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland

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