Weinerlichkeit und Akribie

- Rechtzeitig zu den Jahrestagen von Auschwitz-Befreiung bis Kriegsende rollt eine Flut an Dokumentationen auf den halbwegs interessierten Zuschauer zu. Und es ist schwer, in der Masse die wirkliche Qualität auszumachen. Neben dem sehr persönlich gefärbten "2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß" ist an Kinoproduktionen eigentlich nur "Das Goebbels-Experiment" erwähnenswert. Anders als in konventionellen Fernseh-Dokus (und als solche ist auch "Das Goebbels-Experiment" von Spiegel TV produziert worden), verzichten die Filmemacher Lutz Hachmeister und Michael Kloft vollkommen auf didaktisch wertvolle Kommentare aus dem Off, Experten-Statements und Zeitzeugen-Interviews.

<P>Ausschließlich die Originaltexte von Joseph Goebbels stehen im Mittelpunkt, und der war ein exzessiver Tagebuchschreiber, wie man seit der Öffnung der Archive in Moskau 1992 weiß. Aus den 29 Bänden Aufzeichnungen des Reichspropagandaministers haben Hachmeister und Kloft eine biografische Abfolge erstellt, die den Lebensweg des linkischen, körperlich behinderten Schülers aus dem rheinischen Rheydt zum Agitator des "Dritten Reiches" schildert. <BR><BR>Radikale Entmystifizierung des Nationalsozialismus</P><P>Bebildert wird das Ganze ausschließlich von Originalfilmszenen und -fotografien sowie einigen nachgedrehten Schauplatzaufnahmen. In der deutschen Fassung des rundum gelungenen Goebbels-Experiments werden die Tagebucheintragungen von Udo Samel gelesen, in der englischsprachigen Variante von Kenneth Branagh. <BR><BR>Doch selbst die samtenen Stimmen der Theatergrößen können nicht über den zum Teil wirklich furchtbaren Inhalt hinwegtäuschen. Dabei sind die erschütternden Passagen weniger jene, in denen Goebbels über die Verderbtheit des Judentums geifert. Damit war zu rechnen. Schlimmer zu hören und zu sehen ist die geradezu hündische Verehrung Hitlers, vor allem in der Anfangsphase der NS-Bewegung. Verstörender ist die wehleidige Weinerlichkeit und infantile Selbstgerechtigkeit, die sich beim verschmähten Heidelberger Studenten in Liebesqualen erstmals zeigen und sich fortan durch sein Leben ziehen wie ein roter Faden. Hachmeister und Kloft gelingt mit ihrer so exakt gefertigten, wahrlich gewagten Dokumentation etwas, was alle Guido Knopp-Sendungen dieser Welt stets konterkarieren: die radikale Entmystifizierung des Nationalsozialismus und des angeblichen Denkers des "Dritten Reiches". <BR><BR>Seine akribischen täglichen Eintragungen entlarven Goebbels als eitlen Karrieristen, der auch seine Kinder stets beobachtete wie ein Insektenforscher seine Versuchsobjekte. Die Schlussbilder des Films sind demnach folgerichtig die Leichen seiner Kinder, seiner Frau und - gefühlte Minuten lang - sein eigener verkohlter Körper. Das geschwätzige Tagebuch schweigt endlich. Ruhe. Friede. Stunde Null. <BR><BR>(In München: Insel-Kinos.)</P><P>"Das Goebbels- Experiment"<BR>Regie: Lutz Hachmeister<BR>Sehenswert <BR></P>

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