Weiße Menschenjäger

- Sanft streicht die Kamera durch den Wald, lugt zwischen Baumstämmen hindurch, doch das Grün scheint undurchdringlich. Irgendeine Landschaft Europas vermutet man kurz, da setzen schon im Hintergrund wilde Schreie ein, die offenkundig von Affen stammen. Und es wird deutlich, dass man sich irgendwo im Dschungel von Afrika befindet.

Im Jahr 1870 durchstreifen weiße Menschenjäger den Urwald, und es dauert nur ein paar Filmsekunden, da haben sie die Beute gefunden, nach der sie solange gesucht haben: zwei Pygmäen.

Wie Tiere werden die zwergenhaften Ureinwohner des schwarzen Kontinents - "einMännchen und ein Weibchen" notiert der Wissenschaftler Jamie Dodd - eingefangen und nach Schottland verschleppt. Dort will Dodd die beiden vermessen und erforschen, mit ihnen allerlei Experimente machen, um sie dann einer staunenden Welt vorzustellen: "Du bist mein Amerika und ich dein Kolumbus", sagt Dodd zu seinem Gefangenen. Als Menschen sieht er ihn zunächst nicht. Denn Pygmäen sind damals noch völlig unbekannt, und die Briten glauben, in ihnen das "missing link", das fehlende Verbindungsglied in der Entwicklungskette zwischen Affe und Mensch gefunden zu haben, nach der man im Zeitalter von Darwins Evolutionstheorie verzweifelt sucht.

Das Doppelgesicht der Wissenschaft

"Man to Man", mit dem gestern Abend die 55. Filmfestspiele von Berlin offiziell eröffnet wurden, behandelt ein überaus spannendes Thema: Das Doppelgesicht der Wissenschaft zwischen neugierigem Forschungsdrang und der Neigung, an einmal vorgefassten Ansichten festzuhalten, auch dann, wenn ihnen die Tatsachen immer offenkundiger widersprechen.

Zugleich ist der Film des Franzosen Régis Wargnier, der vor zwölf Jahren mit "Indochina" bekannt wurde, packendes Unterhaltungskino fürs breite, aber nicht ungebildete Publikum. Gekonnt dramatisiert der Film sein Thema, mitunter vielleicht etwas vorhersehbar, überdeutlich und mit zu viel Gefühlskitsch. Doch gelingen Wargnier auch immer wieder eindringliche Momente und einige interessante Beobachtungen über die heroische Epoche der modernen Wissenschaft.

Dass er nicht vorschnell eine "ausgewogene" Position bezieht, sondern aus Sicht der Weißen erzählt, macht "Man to Man" interessant. Eine gute Wahl zur Eröffnung eines der drei wichtigsten Filmfestivals, zumal mit Joseph Fiennes und Kristin Scott Thomas auch zwei Weltstars auf dem roten Teppich flanierten.

Eine treffende Wahl ist "Man to Man" auch deshalb, weil der Film im Prinzip genau von dem erzählt, was ein Filmfestival tut. Es praktiziert verschiedenste Arten der Kulturbegegnung, es jagt und sammelt, schwindelt und übertreibt, verlangt kostbare Trophäen und Weltsensationen, die es dann in einer Art Zirkus ausstellt. Und manchmal verbrämen die schönsten Festreden nur, dass es eigentlich vor allem um Macht und ums Geschäft geht.

Davon, das ist keine Frage, versteht Dieter Kosslick, der die Berlinale nun im vierten Jahr leitet und als einer der glänzendsten Verkäufer der Branche gilt, eine ganze Menge. Künstlerisch gesehen ist die Euphorie nach dem Reinfall vom Vorjahr - dem schwächsten Wettbewerb seit über zehn Jahren - zwar auch diesmal eher gedämpft. Vor allem sehr Europa-lastig wirkt das Programm, selbst der Afrika-Schwerpunkt ist mehr ein schönes Wort, hinter dem westliche Produktionen stecken.

Auch schrumpfte das Festival weiter, inzwischen gibt es schon 20 Prozent weniger Filme als unter Kosslicks Vorgänger Moritz de Hadeln. Dafür nehmen die "Events" inflationär zu - und mittlerweile schon vier Seiten im Programmheft ein. Von Starauftritten und Partys einmal abgesehen, gibt's Kunst, Videokunst, Performances, Fußball und André Heller sowie unzählige Quasselrunden mit Dutzenden von Kooperationspartnern und Sponsoren.

Da ähnelt die Berlinale 2005 eher einem Jahrmarkt als einem Filmfestival. Wenn immerhin die Filme gut sind, aber nur dann, muss das nicht stören.

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