Die Welt gerät aus den Fugen

- Ihr Gesicht. Fast zu nahe fährt die Kamera über Mund und Nase, den Körper, der in ein zeitlos klassisches Kostüm gehüllt ist. Im Hintergrund fällt Schnee. Die Kamera wischt von ihr weg ins Dunkle. Ein anderes Mal geht sie im Bademantel über den Gang eines Hotels. An der Seite leuchten Art-Deco-Lampen. Räume aus dem Kino der 40er. Dann wieder steht sie verloren, mit unnatürlich hochdrapiertem Haar auf einer Party herum, Angst und Verunsicherung im Gesicht.

<P></P><P>Und noch einmal, in einer wilden Winterlandschaft, sieht man ihren Mund, Atemwolken ausstoßend. Es gibt perfekte Einstellungen in diesem Film - lange ist eine Schauspielerin nicht so schön fotografiert worden wie Claire Danes in "It's All About Love". <BR><BR>Offenbar liebte der Regisseur seine Darstellerin so sehr, dass er sie, die die polnische Eisläuferin Elena spielt, sogar vervierfacht: Gleich drei Doppelgängerinnen tauchen auf, nur durch kleine Makel unterscheidbar. In einer Szene, der wunderbarsten, traumartigsten des Films, lässt er alle vier zusammen auftreten. Im rosa Kostüm laufen sie einige lange Sekunden auf dem Eis. Dann fallen Schüsse aus dem Nichts.</P><P>Dieser Moment beiläufiger Verstörung ist typisch für das, was Vinterberg tut. Statt der "Dogma"-Kamera wackelt jetzt die Welt: In gar nicht ferner Zukunft angesiedelt, beschreibt er ein Leben, das unrettbar aus den Fugen geraten ist. Von "kosmischen Störungen" ist die Rede, es schneit im Sommer, und die Menschen in Afrika verlieren die Schwerkraft. Das passiert auch dem Film manchmal, dessen Story zu absurd und konfus ist, um sich erzählen zu lassen. Grob gesagt geht es um einen Mann, der seine geschiedene Frau aus einer sektenhaften Organisation befreien will. Irgendwer trachtet ihnen nach dem Leben, derweil geht die ganze Welt zugrunde.</P><P>"It's All About Love" verwandelt den "Matrix"-Plot (nichts ist, wie es scheint) in einen Autorenfilm. Ein Liebesthriller voller Todessehnsucht, mit Anleihen bei Hitchcock und Kieslowski, geprägt von romantischer Motivik - Doppelgänger, Eislandschaften, Sehnsucht -, erzählt als Vision eines Sterbenden über "die letzten sieben Tage meines Lebens". Das Chaos der Welt spiegelt sich in den Seelen der Figuren.</P><P>Die Musik - von Kieslowski-Komponist Zbigniew Preisner - passt gut zu Vinterbergs Absicht, das Kino als Traumfabrik wörtlich zu nehmen: Ein atemberaubender Bildertrip, der sich am Besten als psychedelische Fantasie verstehen lässt. (In München: Aircraft Cinema).</P><P>"It's All About Love"<BR>mit Claire Danes, Joaquin Phoenix, Sean Penn<BR>Regie: Thomas Vinterberg<BR>Hervorragend</P>

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