Wenn das der Kaiser wüsste

München - Vier Kampfpiloten im Ersten Weltkrieg, tollkühne Männer in fliegenden Holzkisten. Am Ende des Films werden alle tot sein. Und wir schauen ihnen beim Sterben zu. Es ist ein schönes Sterben.

Denn vorher gibt es reichlich Wein, Weib und statt des Gesangs immerhin Mundharmonikatöne. Bevor der Held ins Zentrum rückt, stellt uns der Film die deutschen Flieger vor. Nicht beim Kriegshandwerk, sondern als klassischen Männerbund: lachen, trinken, huren. Soldaten sind hier große Jungs in weißen Hemden, übermütig, liebenswert und immer zu Späßchen bereit. Dolce Vita an der Westfront mit Champagner und Sonnenschein.

Erst am Ende tauschen Männer melancholische Blicke wie Kino-Liebespaare. Das Sterben kommt nur als Alibi vor: als Massenschlacht und als Lazarettbesuch mit unschönen Verwundungsbildern, bei dem die schöne Krankenschwester fortwährend sagt: "Das ist kein Spiel". Ansonsten sieht man Krieg als Familien-Unterhaltung.

Richthofen feiert die Feste, wie sie fallen, trifft Hindenburg und den Kaiser und flirtet mit der Krankenschwester, die in seinem Bett landet. Die gut gemachten Flugszenen nehmen nur knapp zehn von 120 Minuten ein. Matthias Schweighöfer in der Titelrolle präsentiert Richthofen als langsam reifenden Milchbubi. Kein Hauch von Todesnähe, von Stahlgewittern.

In Propaganda und Popkultur des Ersten Weltkriegs steht die Figur des "Roten Baron" für Ritterlichkeit in Zeiten moderner Materialschlacht. Für die paradoxe Illusion von Individualität und Romantik im Massenkrieg.

Nikolai Müllerschöns Film setzt hier an: "Meine Herren, wir sind Sportsmänner, keine Schlächter." Genau dies ist aber die Lüge, die Richthofen zur zentralen Figur der deutschen Propaganda machte und die der Film wiederkäut. Denn sie unterschlägt nicht nur die unritterliche Seite des "Roten Baron". Sie verschweigt auch, dass Richthofen zum Held durch zeitweise technische Überlegenheit wurde, nicht durch "Soldatentugend". Im Lauf des Films mutiert der Baron zum Multi-Kulti-Philosophen. "Patriotismus ist die Tugend der Boshaften" zitiert er Oscar Wilde, und hätten ihn die Engländer nicht abgeschossen, wäre er bestimmt der deutsche Dalai Lama geworden. Wenn das der Kaiser wüsste!

Müllerschön gibt sich als Fan, der Deutschland einen Helden wiedergeben will. Ein jüdischer Flieger wird erfunden, weil man das offenbar politisch-korrekt fand. Feige weggelassen wird dagegen Flugkamerad Hermann Göring, immerhin Richthofens Nachfolger als Kommandeur. Müllerschön nimmt alles, was an dieser Geschichte interessant ist, so wenig ernst, dass man den nun nicht übermäßig sympathischen Richthofen in Schutz nehmen möchte. Diesen Film hat der "Rote Baron" nun wirklich nicht verdient. (In München: Mathäser, Maxx, Royal, Münchner Freiheit, Cadillac, Cinema.)

"Der Rote Baron"

mit Matthias Schweighöfer, Lena Headey

Regie: Nikolai Müllerschön Erträglich **

Piloten-Mythen auf der Leinwand

"Dort oben können Sie sich fallen lassen. Freiheit, davon hat die Menschheit immer geträumt", sagt Richthofen im Film. Im Kino ist die Fliegerei eine besonders Mythen-behaftete Tätigkeit. Meist feiert man die Leistungen der frühen Piloten. Etwa Billy Wilders berühmtes Werk "The Spirit of St.Louis" über Charles Lindbergh mit James Stewart. Ironisiert wird alles in Ken Annakins Klamotte "Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten" (1965), subtiler in "The Great Waldo Pepper" von George Roy Hill (1975) mit Robert Redford. Eine Nebenfigur ist hier der deutsche Pilot Kessler, der nach dem Vorbild des deutschen Ernst Udet (1896- 1941) gestaltet wurde. Udet war im Ersten Weltkrieg Kampfpilot - der zweiterfolgreichste nach Richthofen. Nach 1918 verdingte er sich als Schauflieger und kam 1929 zum Kino. Udet, der sich auch aus politischen Gründen das Leben nahm und zum NS-Propagandamythos stilisiert wurde, war das Vorbild von Zuckmayers "Des Teufels General". rsl

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