Wenn die Killer Kutten tragen

- Zweimal die Geschichte Hollywoods, zweimal die Gegenwart der US-Politik, Storys, Helden und Realitäten zwischen Moral und Amoral. Und vor allem stand, so oder so, an den ersten Tagen des Filmfestivals von Venedig, wieder einmal Amerika im Mittelpunkt - mit seinen Schattenseiten wie mit seinem Glanz. Es präsentierte sich zur elftägigen Jagd um den Goldenen Löwen ein Festival der Widersprüche.

Auf die gelungene Eröffnung mit Brian DePalmas Thriller-Meisterwerk "The Black Dahlia" folgte "Hollywoodland", das Kinodebüt des mit TV-Arbeiten bekannt gewordenen Allan Coulter - ein Werk, das fast wie eine Fortsetzung von DePalmas Neo-Noir-Porträt der Filmszene von Los Angeles im Jahr 1947 wirkt: Angesiedelt zehn Jahre später, erzählt "Hollywoodland" gleichfalls von einem spektakulären Tod inmitten der Glamourwelt von Hollywoods Glanzzeit.

Und wie bei DePalma geht es um eine Person, die tatsächlich existierte: 1959 wurde George Reeves, der Star der Fernsehserie "Superman", tot aufgefunden. Hier nun beginnt die Fiktion: Während die Polizei von Selbstmord spricht, schöpft ein Privatdetektiv Verdacht, stößt schnell auf Merkwürdigkeiten und dringt immer tiefer in die dunkle Wahrheit des Showbiz vor. Elegant und voller Nostalgie inszeniert, getragen von seinen wunderbaren Darstellern Diane Lane, Adrien Brody und Ben Affleck gelingt Coulter ein überzeugendes Zeitbild, auch wenn ihm die letzte Vielschichtigkeit und Abgründigkeit DePalmas fehlt.

Genug der Abgründe gibt es dafür in den beiden neuen Filmen der Kinomoralisten Spike Lee und Oliver Stone. Stones "World Trade Center" erzählt das Schicksal der beiden letzten Überlebenden der Rettungsmannschaften des 11. 9. 2001 als eindimensionale Heldensaga, der alle Differenziertheit seiner früheren Werke fehlt. Davon bietet dafür Spike Lee genug. Seine monumentale Dokumentation "When the Leeves Broke" trägt den Untertitel "Ein Requiem in vier Akten". Die Totenerinnerung gilt New Orleans, das vor einem Jahr in den Fluten des Hurrikan "Katrina" unterging.

Neben den Ereignissen beschreibt Lee detailliert die kulturelle Katastrophe die folgte, Plünderungen und Gewalt, der Zusammenbruch fast jeder Ordnung, sowie die politischen und sozialen Geschehnisse und Auswirkungen. Hierzu gehören planlose Hilfsmaßnahmen sowie die Politik, die das Geschehen zuerst ignorierte, dann stritt, um es schließlich für Selbstdarstellung zu instrumentalisieren. Erschütternde Bilder, die die Vorgänge gespickt mit Zeitzeugen darlegen und denen Lee mit Montage und Musik ein filmisches Gesicht gibt. Lee wäre nicht der, der er ist, wäre sein Blick nicht zutiefst human, am Schicksal der einfachen Menschen interessiert, würde er aber nicht zugleich auch die offizielle Version angreifen: Überflutete man gar bestimmte Viertel mit Absicht, um sie den Spekulanten preiszugeben?

Ein Verschwörungsszenario, das zu Oliver Stone gepasst hätte, entwickelt auch ein europäischer Film: Santiago Amigorenas portugiesisch-französische Produktion "Quelques jours en septembre". Rund um das Attentat aufs World Trade Center entfaltet Amigorena einen virtuosen Geheimdienstthriller um arabische Spekulanten und CIA-Komplotte. Ein kurzweiliger Blick auf 9/11, interessanter und weniger zynisch als der von Stone, der den Anschlag für plumpen Patriotismus instrumentalisiert. Besonders gefallen die Darsteller, allen voran Juliette Binoche als überaus kampfbereite Agentin und John Turturro als der Killer in Mönchskutte.

Dicht gedrängt liefen auch am Wochenende die Wettbewerbsfilme. Paul Verhoevens "Zwartboek" über untergetauchte Juden und Widerstand im besetzten Holland 1944 - mit Sebastian Koch als gutem Nazi - ist politisch brisant, ästhetisch aber bestenfalls auf Höhe eines TV-Melos. Alfonso Cuarons Medizin-Science-Fiction "Children of Men" überzeugte nur in seiner Ausstattung. Einen der besten Filme des Wettbewerbs bot die Österreicherin Barbara Albert. "Fallen" erzählt von einem Wochenende, an dem sich fünf Schulfreundinnen 15 Jahre später beim Begräbnis eines Lehrers wiedertreffen. Viele Illusionen sind zerstoben, doch der Umgang mit Gefühlen ist ehrlicher geworden, und weitaus ernster meinen es die jungen Frauen, wenn sie an ihrem Jugend-Motto festhalten: Es lebe die Freiheit!

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