+
Idylle oder Distanz? Kate Winslet und Leonardo DiCaprio als Ehepaar April und Frank Wheeler.

Film der Woche

Wenn die Liebe verschwindet

Leonardo DiCaprio und Kate Winslet begeistern in Sam Mendes’ neuem Film "Zeiten des Aufruhrs".

Früh sind die Dinge klar: Die Ehe von April, Hausfrau und Mutter, und Frank Wheeler, einem Angestellten mit so sicherem wie langweiligen Bürojob, ist kaputt. Die Vorstadt, in der sie leben, öde, ihre Jugendträume verblasst - was ihnen bleibt, ist ein Mittelklasseleben, das alle führen. Doch dann beschließen sie, alles zu wagen: Sie werden ihr schmuckes Haus an der "Revolutionary Road" verkaufen und mit den Kindern nach Paris auswandern. April (Kate Winslet) wird arbeiten, Frank (Leonardo DiCaprio) erst mal vom Ersparten leben und "herausfinden, was er wirklich will". "Aber wozu?", fragen verständnislos die Freunde. "Wir werden nicht jünger, wir wollen nicht, dass das Leben einfach vorbeigeht."

In der ersten halben Stunde könnte man "Zeiten des Aufruhrs" auch als eine Parodie des Amerika der Vorstädte, der Langeweile ihres Alltags und der Fantasielosigkeit ihrer Werte verstehen. Gewiss ist der Film das auch, und damit setzt Regisseur Sam Mendes fort, was er mit "American Beauty" (1999) erfolgreich begann: die Dekonstruktion des amerikanischen Subjekts und seines Lebensraums. Doch Mendes sorgt in seinem neuen Film von den ersten Szenen an dafür, dass man ihn ganz ernstnimmt. Der Regisseur hat Richard Yates’ vor 50 Jahren spielenden Roman elegant und bewundernswert verfilmt - als völlig gegenwärtigen Film, der von existenziellen Fragen handelt.

Ein Lehrbeispiel für Literaturverfilmung: Was im Text innerer Monolog oder Gedanke sind, wird im Film nicht in Dialog verwandelt, sondern findet sich in Ausdruck und Geste der Darsteller, in einer Bewegung, einem Innehalten. Mendes hat bis in Nebenrollen hervorragende Schauspieler. Doch vor allem Kate Winslet zeigt, dass sie die unterschätzteste ihrer Generation ist - sie trägt den Film durch schiere Präsenz und Energie, dessen Perspektive zunächst die des Gatten ist, bevor er sich mehr und mehr April zuwendet.

Denn allmählich spitzt sich dieses Melodram zu; der Traum von Paris wird zum Symbol eines tieferen, grundsätzlicheren Konflikts - zwischen dem Leben, das das Paar führt und dem, das es führen will. Alles daran ist aktuell: Der Film ist eine überaus hellsichtige und berührende, mitunter bittere Betrachtung über das vermeintlich "normale Leben", blindes Sicherheitsdenken und alltägliche Feigheit. Es ist Frank, der diese Feigheit repräsentiert, der der Verführungskraft des Kapitalismus nachgibt, der die Wahrheit zwar nicht vergisst, aber besser im Lügen wird. Und es ist April, die Wahrheiten ausspricht: "Wer nichts probiert, kann nicht scheitern." Am Ende wird sie dafür bestraft.

Der Film steht aber auf ihrer Seite, macht deutlich, dass sie Recht hat und die Freiheit den Versuch wert ist, auch wenn man ihn teuer bezahlen muss. Sam Mendes zeigt in "Zeiten des Aufruhrs", dass nicht die Träume schuld am Unglück sind, sondern die Tatsache, dass wir sie aufgeben.

"Zeiten des Aufruhrs"
mit Kate Winslet, Leonardo DiCaprio, Kathy Bates
Regie: Sam Mendes
Hervorragend

Rüdiger Suchsland

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Oscars 2017: Die Favoriten und Prognosen
Los Angeles - Am Sonntag werden in Los Angeles zum 89. Mal die Oscars verliehen. Hier erfahren Sie alles über die diesjährigen Favoriten, alle Nominierungen und unsere …
Oscars 2017: Die Favoriten und Prognosen
Kleiner Löwe im Großstadtdschungel: Filmkritik zu „Lion“
Der fünfjährige Saroo (Sunny Pawar) lebt in ärmsten Verhältnissen im Norden Indiens. Während die Mutter Steine klopft, fahren er und sein großer Bruder Guddu zur …
Kleiner Löwe im Großstadtdschungel: Filmkritik zu „Lion“
Filmkritik zu „Bibi & Tina – Tohuwabohu total“
Zwangsheirat, Flüchtlingskrise und eine Persiflage auf Donald Trump: Passt so viel Politik in einen Jugendfilm? Oh ja! Wenn man sie humorvoll verpackt. Und wer könnte …
Filmkritik zu „Bibi & Tina – Tohuwabohu total“
Streifen für Hunde-Fans: Filmkritik zu „Bailey“
Man sollte Hunde schon sehr mögen, um an „Bailey“ Gefallen zu finden. Im Spielfilm von Lasse Hallström, Amerikas Regie-Kitschonkel Nummer eins, sprechen die Vierbeiner …
Streifen für Hunde-Fans: Filmkritik zu „Bailey“

Kommentare