Wenn der tote Sohn verschwindet

- Die amerikanische Familie im Zwielicht ist das Hauptthema im Werk des Regisseurs Joseph Ruben. In Psychothrillern wie "Der Feind in meinem Bett", "The Good Son" oder "The Stepfather" zeigt Ruben in variantenreicher Ausführung, wie sich das Böse und Fremde in das anfangs scheinbar unzerstörbare System einer Familie einschleicht und dort sein Gift verbreitet.

<P>Nichts ist so, wie es scheint in Rubens Filmen. Deswegen ist der Ruhe zu Beginn seines neuen Thrillers "Die Vergessenen" natürlich auch nicht zu trauen. Telly (Julianne Moore)  trauert um ihren vor einem Jahr bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Sohn Sam. Die in ihrem Leid noch völlig gefangene Frau klammert sich mit viel Emotionen an die letzten Überbleibsel von Sam: ein Baseball-Handschuh, ein paar Fotos, ein Video mit Urlaubserinnerungen. Ihr Mann verhält sich liebevoll-indifferent und zurückhaltend, ihr Psychiater (Gary Sinise) hört zu, rät aber nichts.</P><P>Das Phänomen der erfundenen Vergangenheit</P><P>Das könnte ewig so weitergehen, wären nicht eines Tages diese Beweise von Sams Existenz verschwunden. Telly ist fassungslos, vermutet ein Komplott zwischen Gatte und Seelenklempner. Denn die erklären, sich nicht an Sam und dessen Tod erinnern zu können. Auch die Nachbarin und sämtliche Freunde wissen angeblich nicht mehr, wer Sam war. Nur der Eishockey-Profi Ash (Dominic West), dessen Tochter mit Sam im Flugzeug saß, entsinnt sich noch vage seines Kindes . . .</P><P>Joseph Ruben breitet genüsslich die albtraumhafte Vorstellung aus, was es heißt, seinen eigenen Erinnerungen und Gefühlen nicht mehr trauen zu können. Das Phänomen der "erfundenen Vergangenheit" ist seit "Blade Runner" nicht mehr neu. Ruben nähert sich diesem Horror auf andere, scheinbar nebensächliche Weise. In kurzen Szenen skizziert er Tellys Kampf um Wahrheit, ihr Gefühl der Verlorenheit und ihre Verzweiflung angesichts der unverständigen Umgebung.</P><P>Das Grauen, das dieser immer gespenstischer werdende Thriller bis zum Ende kunstvoll steigert, ist enorm. Schade nur, dass Drehbuchautor Gerald Di Pego nach dem exzellenten Start einen sehr unausgegorenen, an den Haaren herbeigezogenen Schluss bietet. (In München: Mathäser, Marmorhaus, Maxx, Cinema i.O., Museum i.O.)</P><P>"Die Vergessenen"<BR>mit Julianne Moore, Gary Sinise<BR>Regie: Joseph Ruben<BR>Sehenswert</P>

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