Wenn die Wirklichkeit zur Achterbahn wird

- Er staunt. Er betritt eine Welt, in der er sich kaum noch zurecht findet, so fremd ist sie ihm geworden. 15 Jahre hat Oh Dae-su (Choe Min-Shik) in Mafia-Gefangenschaft von der Außenwelt abgeschlossen verbracht. Nun versucht er zu verstehen, warum ihm dies alles überhaupt angetan wurde, und je mehr er darüber nachdenkt, um so mehr verwandelt sich sein Dasein in einen Rachefeldzug. Da Oh Dae-su aber bald merkwürdige Anrufe erhält, die offenbar von seinem Peiniger stammen, wird er auch selbst Objekt einer neuen Manipulation, die womöglich noch teuflischer ist, als jene, die er hinter sich hat.

<P>"Oldboy" ist also auch ein Paranoia-Thriller, der für seine Hauptfigur die Wirklichkeit zur Achterbahn werden lässt - bis der Held nicht mehr weiß, was oben und unten, was wahr und falsch, was gut und böse ist.<BR><BR>So kann es hier auch dem Zuschauer gehen, und weil der koreanische Regisseur Park Chan-wook damit in genialer Weise die Essenz des Kinos (jedenfalls eine von mehreren) auf die Leinwand gebracht hat, bekam er beim Festival in Cannes die zweitwichtigste Palme sehr zu Recht. Denn "Oldboy" ist fraglos einer der besten Filme des Jahres. Er ist nicht leicht konsumierbar, trotzdem ist "liebevoll" das Wort, das einem zu dieser Geschichte als erstes einfällt. Man staunt, mit welcher Sensibilität hier erzählt wird: brillant geschnitten, mit nahezu perfektem Gleichklang von Bildern und Musik. Und wie viel Substanz künstlerisch zwingende Bilder, Auseinandersetzung mit Filmgeschichte, aber auch Verweise auf die politische und kulturelle Situation Koreas sowie des Westens ein Film haben können.</P><P>Mit dem Staunen beginnt die Philosophie. Vielleicht liegt es daran, dass Park in Deutschland Philosophie studiert hat, dass sein Film einerseits ein Thriller, zugleich aber auch ein Ideendrama ist: Denn jener Unbekannte, der Oh Dae-su gefangen hielt, hat, so stellt sich bald heraus, seine guten Gründe. Doch der Film enthält sich aller moralischen Eindeutigkeit. Seine Coolness ist nicht die edle eines Melville oder Tarantino. Im Gegensatz zu ihnen, die gern alles ästhetisieren, zeigt Park einfach die Dinge, wie sie sind.<BR>Manchmal ist das sehr hässlich, wenn etwa Zähne im Dutzend gezogen werden, und zwar ohne Narkose. Manchmal ist es aber wunderschön, etwa wenn ein lebendiger Tintenfisch verspeist wird und sich die Fangarme des sterbenden Viechs poetisch ringeln. Wer das nicht glaubt, muss ins Kino gehen. </P><P>"Oldboy"<BR>mit Choe Min-Shik<BR>Regie: Park Chan-Wook<BR>Hervorragend </P>

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