Wert des Verzeihens

- Unschuld im Ausdruck, Schuld im Tun. Verträumt gehen zwei Schulmädchen in einem Park spazieren. Verspielt und verführerisch wirkt die eine, scheu und spröde ihre Freundin. Beide haben ein geheimes Leben, von dem nur sie etwas wissen dürfen: Jae-young arbeitet nebenbei als Prostituierte. Sie scheint daran sogar gewissen Spaß zu haben, bleibt rein. Ganz anders geht es Yeo-Jin. Sie verachtet die Freier und ist, wenn man so will, die Zuhälterin ihrer besten Freundin, der sie in einer unausgesprochenen Liebe verbunden ist. Gemeinsam träumen beide von einer Reise nach Paris, vom Weggehen, vom Glück der Freiheit. Jae-young ist alles, was für Yeo-Jin zählt. Ihre Mutter ist lange tot, sie lebt allein mit ihrem liebevollen Vater. Als die Freundin stirbt, bricht für Yeo-Jin eine Welt zusammen. Trost findet sie nur auf eine Weise, die ihr Vater nicht verstehen kann.

<P>Der koreanische Autorenfilmer Kim Ki-Duk ist der bekannteste Repräsentant des "Korean New Wave". Seine Werke, ebenso buddhistisch wie französisch angehaucht, sind voll visueller und erzählerischer Originalität; zugleich haben sie eine eigentümlich verstörende Kraft. Kim zeigt die Welt als Hölle, in der es von Anfang an keinen Ausweg gibt, nur Sehnsucht. Und nur in Sex oder Gewalt liegt manchmal eine Art Erlösung, zumindest für Augenblicke. "Samaria", mit dem Kim in Berlin den Silbernen Bären gewann, ist ein Tryptichon: Der erste Teil, "Vasumitra", benannt nach einer legendären indischen Prostituierten, die ihre Freier durch Sex in Gläubige verwandelt haben soll, erzählt die Freundschaft der Mädchen. Im zweiten Teil, der Samaritergeschichte "Samaria" sucht Yeo-Jin Erlösung, indem sie die Leiden ihrer Freundin auf sich nimmt. Sie bedient die alten Freier, doch zahlt sie ihnen ihr Geld zurück. Eines Tages entdeckt das ihr Vater, der von der Vorgeschichte nichts weiß. Verzweifelt bedrängt er die Freier der Tochter. Ein Eindringling in die Verhältnisse bürgerlicher Sicherheit, zu der die Verlogenheit heimlicher Puffbesuche ebenso gehört, wie die trügerische Hoffnung auf moralische Reinheit.<BR><BR>Der dritte Teil, der in eine hochemotionale Vater-Tochter-Fahrt aus der Stadt heraus in eine unberührte Berglandschaft mündet, heißt "Sonata" nach dem Autotyp, der benutzt wird. Da wird die kraftvolle Tragödie über moralische Missverständnisse zum Film über den Wert des Verzeihens. Zutiefst human, aber ohne Zeigefinger, stilistisch elegant und mit unaufdringlichen Verweisen auf die Songs von Serge Gainsbourg und die Romane Boris Vians ist diese wahnsinnige Liebesgeschichte ein neuer Ausdruck für die Stärke des koreanischen Kinos. Hier kommt es auf jede Nuance an, werden Zumutung und Tabubruch zur künstlerischen Tugend. </P><P>(In München: Forum Kinos.)<BR><BR>"Samaria"<BR>mit Min-jeong Seo, Ji-min Kwak, Eol Lee<BR>Regie: Kim Ki-Duk<BR>Hervorragend </P><P> </P>

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