Der wilde Mönch

- Düstere Nacht. Es regnet in Strömen. Pferdehufe auf einem schlammigen Pfad. Chorgesang erklingt, ein Kirchenschiff wird sichtbar, verschütteter Messwein. Schon in der Anfangsszene greift Regisseur Eric Till in seinem Historiendrama "Luther" tief in die Klaviatur des üppigen Kinospektakels mit wohl ausgesuchter Szenerie und beschwörenden Bildern.

<P>Die deutsche Produktion "Luther", die mit einem gewaltigen Staraufgebot prunken kann, breitet das Leben des Reformators Martin Luther kunstvoll und genüsslich aus: von der Anfangsphase als aufbegehrender Mönch über die Jahre als Universitätsdozent an der Universität in Wittenberg bis hin zum großen Finale, dem protestantischen Glaubensbekenntnis der Landesfürsten vor dem deutschen Kaiser 1530 in Augsburg. </P><P>Eric Till, der seit "Bonhoeffer - Die letzte Stufe" auf christliche Themen abonniert zu sein scheint, gelingt dabei das Kunststück, den menschlichen Reifungsprozess Luthers inmitten der turbulenten Epoche der Bauernkriege recht akkurat wiederzugeben, ohne seinen Film dabei wie besserwisserisches Schulfernsehen erscheinen zu lassen. Klug balanciert Till seinen Luther zwischen spannungsreichem Drama und distanzierter Aufarbeitung der Geschichte. Der war nicht nur ein aufmüpfiges Kind seiner Zeit mit einigen von der katholischen Kirche als ketzerisch angeprangerten Ideen. Der überaus sorgfältig arrangierte Film zeigt in all seiner überbordenden Detailgenauigkeit und farbenprächtigen Illustration, wie eng Politik und Kirche damals verflochten waren, und welche Brisanz in manchem Treffen zwischen Papst und Kardinälen oder Fürsten lag. </P><P>Plötzlich, dank Tills Inszenierung, erhält das Faktenwissen aus dem Geschichtsbuch Fleisch und Dramatik, und wenn Papst Leo X. (im Film genial verkörpert von Uwe Ochsenknecht) die Baupläne des Petersdoms in Rom studiert, ist das nicht mehr nur dürres Nachbuchstabieren von Jahreszahlen, sondern spannend wie ein Krimi. Die wichtigsten Daten rund um den Beginn der Reformation und die für die Verbreitung von Luthers Thesen so eminent bedeutsame Erfindung des Buchdrucks kennt jedes Schulkind. Bei Till jedoch wirken diese Dinge so unterhaltsam und neu, als wäre man eben erst darauf gekommen.</P><P>Dass "Luther" als mitreißender Historienfilm funktioniert, liegt zu einem Großteil sicherlich an Joseph Fiennes in der Titelrolle. Der Brite, der als "Shakespeare in Love" im gleichnamigen Spielfilm bekannt wurde, verkörpert Luther überzeugend - auch wenn der echte Reformator auf allen Gemälden mit einem weitaus größeren Körperumfang aufwartete. Bis in die Nebenrollen hinein ist die Produktion stimmig besetzt. Bislang eher übersehene TV-Darsteller wie Benjamin Sadler oder Heikko Deutschmann, aber auch internationale Größen wie Sir Peter Ustinov als herrlich verschmitzter sächsischer Landesherr, Bruno Ganz als väterlicher Freund Luthers oder Alfred Molina als fanatischer Ablasseintreiber Johann Tetzel sorgen dafür, dass "Luther" ein wirkliches Kino-Ereignis geworden ist. (In München: Arri, Royal, Rio, Tivoli, Cinema i. O.)</P><P>"Luther"<BR>mit Joseph Fiennes, Peter Ustinov, Uwe Ochsenknecht<BR>Regie: Eric Till<BR>Hervorragend </P><P><BR> </P>

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