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Leben im Schatten der Rolle: „Alles, was ich mache, ist, weil ich damals Winnetou gespielt habe“, sagt Pierre Brice, der heute 80 Jahre alt wird.

Zum 80. Geburtstag

Winnetou macht Pierre Brice unsterblich

Er ist Franzose, spielte in Kroatien einen Indianer – und wurde in Deutschland ein Superstar. Heute feiert Pierre Brice seinen 80. Geburtstag. Der Schauspieler war, ist und wird immer Winnetou sein. Segen oder Fluch?

Am Anfang war ein Missverständnis. Denn so richtig anfreunden konnte sich Pierre Brice mit der Rolle des edlen Indianerhäuptlings Winnetou zunächst gar nicht. Das Kostüm sei zwar toll, befand der Franzose Anfang der Sechzigerjahre, als in Kroatien an der ersten Karl-May-Verfilmung „Der Schatz im Silbersee“ gearbeitet wurde. Auch war er stolz, an der Seite von Lex Barker spielen zu dürfen – der Amerikaner, der damals für die Rolle des Old Shatterhand zugesagt hatte, war längst ein Filmstar und Brice bis dato kaum bekannt. Ihn störte vielmehr, dass er in der Rolle des Indianers zu wenig Potenzial sah, Winnetou sprach schließlich kaum, sein Mienenspiel war stoisch.
Kurz: Brice glaubte nicht an den Erfolg. Er hatte sowieso gezögert, das Angebot anzunehmen, da ihm nicht gefiel, dass Indianer in den Western bis dato vor allem als Verbrecher oder Schießbudenfiguren gezeigt wurden. Seine Agentin musste ihn überreden, den Vertrag mit dem deutschen Produzenten Horst Wendtland zu unterschreiben. Außerdem kannte der Franzose, der heute vor 80 Jahren als zweites Kind einer alten Adelsfamilie geboren und auf den Namen Pierre Louis le Bris getauft wurde, den deutschen Autor Karl May gar nicht. Winnetou? Nie gehört! Das Lieblingsbuch des jungen Pierre aus Brest war „Robin Hood“.

Doch gleich nach der Premiere von „Der Schatz im Silbersee“ 1962 war klar, dass der Franzose mit Winnetou die Rolle seines Lebens gefunden hatte: Bis 1968 spielte er elfmal den Apachen-Häuptling fürs Kino. Karl Mays Indianer machte ihn zum Superstar. Er wurde mehrfach von seinem deutschen Publikum zum beliebtesten Schauspieler gewählt – vor James Dean oder Sean Connery. Auch deshalb sagt Brice im Rückblick: „Ich bin kein Idiot. Alles, was ich jetzt mache, ist, weil ich damals Winnetou gespielt habe. Ich spiele Theater, weil ich Winnetou war. Ich bin Unicef-Botschafter geworden, weil ich Winnetou war. Ich habe Geld für Hilfsaktionen in Bosnien bekommen, weil ich Winnetou war. Winnetou hat mir in Deutschland bei meiner Karriere sehr, sehr geholfen.“ Konsequent nannte er seine Autobiografie, die er 2004 vorlegte, dann auch „Winnetou und ich“.

Blutsbrüder: Pierre Brice als Winnetou und Old Shatterhand (Lex Barker).

Denn bevor Brice zum ersten Mal das Wildleder-Kostüm des Apachen anzog, dümpelte seine Schauspiel-Karriere eher vor sich hin. In seiner Heimat Frankreich, für die Brice, der aus seiner konservativen politischen Einstellung nie ein Hehl machte, im Indochina- und Algerienkrieg kämpfte („Nie wieder hatte ich so gute Freunde wie beim Militär.“), schlug er sich als Fotomodell durch: Er posierte etwa mit Brigitte Bardot für Brautmoden oder gab den romantischen Helden in Fotoromanen, die im Frankreich der Fünfzigerjahre ein Renner waren.

Doch als Schauspieler konnte er nie richtig Tritt fassen. Schon gar nicht im Heimatland: Brice spielte – wenn überhaupt – kleinere Rollen in italienischen oder spanischen Produktionen. 1954 durfte er immerhin in „Harte Fäuste, heiße Lippen“ einmal in einer gemeinsamen Szene mit Eddie Constantine dem berühmten amerikanischen Schauspieler die Tür aufhalten. Es ist ein bezeichnendes Bild.

Der Durchbruch kam 1962: Damals besuchte Pierre Brice zum ersten Mal Deutschland. Auf der Berlinale war der spanische Film „Los Atracadores“ zu sehen, in dem der Franzose eine Rolle hatte. Und in Berlin sah Horst Wendtland zum ersten Mal den damals 33-Jährigen. Der Filmproduzent hatte sich durch seine erfolgreichen Edgar-Wallace-Filme bereits einen Namen gemacht. Er war auf der Suche nach einem Darsteller für die Rolle des Indianerhäuptlings in seiner ersten Karl-May-Verfilmung. „Das ist mein Winnetou“, soll Wendtland gerufen haben, als er Brice sah. Als dem dann Wendtlands Angebot vorlag, zögerte der Schauspieler jedoch: „Ich fragte: Was für ein Film? Ein Western? Und: Welche Rolle? Ein Indianer...“

Michael Herbigs (re.) „Der Schuh des Manitu“ mochte Brice nicht.

Die Skepsis legte sich aber schnell – auch weil Wendtland ein ganz anderes Indianer-Bild zeigen wollte. Es blieb zunächst aber die erwähnte Unzufriedenheit des Schauspielers mit den Gestaltungsmöglichkeiten der in seinen Augen viel zu statischen Rolle. Eine weitere Fehleinschätzung. Denn, so erklärte der Karl-May-Experte Michael Petzel jüngst in einem Fernsehinterview, Winnetou „wirkte vor allem dadurch, was er nicht tat. Er war sehr zurückhaltend in seinen Bewegungen, zurückgefahren, und das war sehr eindrucksvoll. Denn der Winnetou, der steht zuerst mal da. Der ist da. Aber der muss nicht groß agieren.“ Ja, die Fans schwärmen noch immer vom berühmten Blick Winnetous, der in die Ferne schweift und die Zuschauer machtvoll wie je daheim vor den Fernsehern fesselt.

Der Kult, der in Deutschland in den Sechzigerjahren um die Filmfigur und ihre Darsteller entstand, nahm bald groteske Züge an: Als 1965 die Dreharbeiten zu „Winnetou 3“ liefen, rollte bereits eine Protestwelle durch Deutschland: Nein, der edle Indianer durfte nicht sterben. Wendtland konnte die aufgebrachten Fans erst beruhigen, als er erklärte, dass er auch nach dem Tod Winnetous weitere Filme mit dem Apachen plane.

Für Brice, der 1981 Hella Krekel aus Amberg heiratete, sollte die Rolle seines Lebens auch zum Fluch werden: Er konnte sich nie davon emanzipieren, Auftritte in Fernsehfilmen wie „Traumschiff“ oder „Ein Schloß am Wörthersee“ hatten keinen Erfolg. Immer wieder schlüpfte er daher ins Kostüm des Apachen, sei es fürs Fernsehen oder bei den Karl-May-Freiluftaufführungen im sauerländischen Elspe oder in Bad Segeberg. „Er hat nach anderen Herausforderungen gesucht. Aber die eben leider nicht gefunden“, sagt Michael Petzel. „Dafür war der Erfolg zu stark. Brice wurde zu sehr identifiziert, und das Publikum sah eben hinter jeder Rolle den Winnetou.“

Auch ein anderer Schauspieler aus der damaligen Film-Crew sollte seine Karl-May-Rolle niemals wieder losbekommen: Rik Battaglia. Der Italiener spielte in „Winnetou 3“ den Banditen Rollins, der den Apachen-Häuptling erschießt: „Auf einmal waren für mich alle Türen zu. Kein Produzent wollte mir mehr eine Rolle geben.“

von Michael Schleicher

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