Der winzige Augenblick des Glücks

- "Wir machen Sie glücklich", wirbt zu Beginn von Barbara Alberts neuem Film "Böse Zellen" ein Werbeplakat. Am Ende des Films gewinnt einer der Protagonisten tatsächlich den Hauptpreis der Lotterie, ein Fertighaus. Glücklich ist er trotzdem nicht. Glücklich ist überhaupt niemand in diesem verstörenden Gesellschaftsbild der österreichischen Regisseurin. Die Figuren in diesem melancholisch-depressiven Episodenfilm über Schicksalsschläge und deren weit reichende Auswirkungen strampeln alle gegen das Leben an, das sie führen _ aber ein besseres ist nicht in Sicht.

<P>Als man sich endlich an die spröde Manu, eine der Hauptfiguren, gewöhnt hat, lassen Sie sie einfach sterben . . .<BR>Albert: Das ist irritierend, nicht? Genau das wollte ich damit bezwecken. Der Zuschauer sollte eine ähnliche Orientierungslosigkeit erfahren wie die Personen im Film. Ich wollte Ratlosigkeit auslösen, und das geht am besten, indem man mit den herkömmlichen Sehgewohnheiten und Empfindungen des Publikums bricht.</P><P>Wie haben Sie das Thema für diesen Film gefunden?<BR>Albert: Die Anfangsidee, einen Film über diese große Angst vor dem Tod zu machen, hatte ich schon vor langem. Außerdem wollte ich schon immer mal eine Hauptfigur früh sterben lassen. Daraus hat sich ergeben, dass die Figur der Manu die erste war, die ich genauer konturiert vor mir sah.</P><P>Einige Szenen sind sehr beklemmend und fast schon unangenehm berührend.<BR>Albert: Ich wollte dieses Gefühl einmal filmisch darstellen, das jeder kennt, der einen Menschen verloren hat. Der Film arbeitet ganz stark mit dieser schrecklichen Hilflosigkeit angesichts des Todes. Ich wollte diesem schmerzlichen Gefühl des Verlustes und der Angst nachspüren, und das soll dann schon weh tun. Das ist im richtigen Leben ja auch so. Und die ganzen Peinlichkeiten, Verstörungen, Kommunikationsschwierigkeiten der Charaktere _ das kennt man doch alles aus dem richtigen Leben.</P><P>Also arbeiten Sie im Film autobiografische Erlebnisse auf?<BR>Albert: "Böse Zellen" ist sicherlich persönlicher als mein letzter Film "Nordrand". Aber wirklich autobiografisch? Nein, ich denke, meine Erfahrungen und mein Leben stecken in allen Rollen ein bisschen. Deswegen sind mir die Personen auch alle sehr nahe. Aber die Dinge, die meinen Charakteren passieren, sind mir nicht passiert. Es geht eher um Gefühle und Gedanken der Figuren, die ich teile.</P><P>Der Film bietet eine Reihe von Lösungs- oder Erlösungsmöglichkeiten an, gibt aber keiner Variante den Vorzug.<BR>Albert: Wir versuchen im Leben doch alle, Modelle zu finden, um uns auszukennen. Wir wollen verstehen, warum das Leben so ist und nicht anders. Medien- oder Konsumgesellschaft, Familie, Glaube: Das sind alles, vom Konsum bis zur Religion, letztlich nur Ordnungssysteme, mit denen wir versuchen, das Leben in den Griff zu bekommen. Ganz am Ende kommen die Figuren endlich zu der Erkenntnis, die auch meine ist: Es gibt keine Sicherheiten im Leben. Wir werden das Leben nicht verstehen. Aber das macht auch nichts.</P><P>Bemerkenswert ist, dass Sie der Kirche jegliche Wahrung des Seelenheils absprechen.<BR>Albert: Ja, bewusst. Das mag an meiner katholischen Jugend liegen. Letztlich denke ich aber, dass die Zeit, in der wir leben, derart stark vom Individualismus geprägt ist, dass die Suche nach diesem einen, alles erklärenden Lebensmodell überhaupt nicht mehr funktionieren kann. Meine Figuren sind in kleinen Augenblicken, in ein paar kurzen zärtlichen Momenten glücklich. Darum geht es meiner Meinung nach überall im Leben: um diesen winzigen Augenblick des Glücks, diesen wunderbaren Moment, wie ihn Belinda und Heinrich beim Tanzen haben. Das ist, woran man sich danach sein Leben lang erinnert.</P><P>Das Gespräch führte Ulrike Frick</P>

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