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„Der Wettbewerb ist das Zentrum“, sagt Berlinale-Chef Dieter Kosslick.

Berlinale-Chef Dieter Kosslick über die 59. Internationalen Filmfe ...

„Wir haben Luxusarbeitsbedarf“

Seit 2001 ist Dieter Kosslick inzwischen Leiter der Berliner Filmfestspiele. Borsalino und Schal, Lieblingsfarbe Rot – „wie beim Wein“ – sind seine Markenzeichen.

Seit seinem Amtsantritt hat Kosslick das Festival inhaltlich stark verbreitert: Der „Talent Campus“ für Studenten wurde gegründet, mit dem „World Cinema Fund“ tritt das Festival als Förderer und indirekter Produzent von Filmprojekten auf – die dann später oft im Programm der Berlinale gezeigt werden. Am Donnerstag startet nun Kosslicks achte Berlinale – für ihn selbst ein Marathon mit täglich 40 Terminen und nur vier Stunden Schlaf.

Alle reden von der Finanzkrise. Merkt die Berlinale die Krise? Und wenn ja, wie?

Nein, wir merken sie nicht – und wir merken sie doch. Wenn ich mir die Berlinale als Ganzes angucke, kann ich nicht sagen, dass wir die Krise volle Kanne abbekommen. Das ist einfach nicht so. Aber tutto grosso merkt man die Krise im Filmprogramm. Und zwar nicht in dem Sinn, dass es schlechter ist. Sondern dass die Finanzkrise in vielen Filmen bereits inhaltlich thematisiert wird – etwa beim diesjährigen Eröffnungsfilm, Tom Tykwers „The International“, einem Thriller, der in der Finanzwelt spielt.

Die Berlinale ist ja seit jeher ein Festival, das unmittelbar auf das reagiert, was politisch wie ökonomisch aktuell ist. Bei welchen Produktionen ist das heuer besonders auffällig?

Es gibt sehr viele Filme, die davon erzählen: Wie reagieren eigentlich normale Menschen auf diese gesellschaftlich völlig unkontrollierbaren, industriellen und militärischen Systeme? Das sieht man zum Beispiel in einem Film wie „Mammoth“ von Lukas Moodysson. Obwohl das ein Film ist, bei dem es auch um die Globalisierung geht, reduziert er sich plötzlich auf die Familie, auf die kleine Einheit. Oder „The Messenger“ von Oren Moverman über einen Irak-Heimkehrer. Und auch in „Little Soldier“ von Anette K. Olsen aus Dänemark: Da sehen wir eine Frau, die aus dem Krieg heimkommt und Taxi fährt. In ihrem Gesicht und ihrem Verhalten spiegeln sich aber ihre traumatischen Erfahrungen wider.

Was funktioniert bei der Berlinale besonders gut? Wo sehen Sie noch Arbeitsbedarf?

Wir haben einen Luxusarbeitsbedarf. Wir haben das Problem, dass wir nicht genügend Karten fürs Publikum haben. Bei der letzten Berlinale hatten wir aufgrund des Anwachsens der Akkreditierungen für Marktteilnehmer – also Einkäufer, Rechtehändler, Produzenten, Fernsehvertreter, Journalisten – zu wenig Plätze. Das zum Hintergrund. Darum haben wir in diesem Jahr mit dem Friedrichstadtpalast einen neuen Aufführungsort. Wir hoffen, das ist eine Lösung. Ansonsten können wir gar nicht so viel machen, außer zu versuchen, die Glühbirnen durch Energiesparlampen zu ersetzen, die Berlinale etwas grüner zu machen und nicht so viel Papier zu verbrauchen. Es ist wichtig, dass wir als Festival selber ein Statement abgeben zu der Welt, in der wir leben.

Manchmal hat man den Eindruck, dass es zuletzt eine thematische Erweiterung des Programms gab – und die Filme selbst dabei vergleichsweise immer unwichtiger wurden, etwa bei Schwerpunkten wie „Die Frankfurter Buchmesse auf der Berlinale“ oder „Kochen auf der Berlinale“. Geht dabei nicht der Fokus verloren?

Das kann man so sagen, und es auch kritisieren. Ich sehe auch in Quantität keine Tugend an sich. Wir sind aber nicht viel größer geworden, auch wenn es so scheint. Der Fokus geht meiner Meinung nach deshalb nicht verloren, weil die Konzentration nach wie vor auf dem Wettbewerb liegt. Das ist so. Der Wettbewerb ist das Zentrum, und daran werden wir zunächst gemessen. Die Berlinale ist bei ihrer Größe aber ein Spartenprogramm für Zielgruppen. Wir machen ein Programm für sehr verschiedene Zuschauer. Es gibt auch Leute, die leidenschaftlich gern nur die Retrospektive angucken oder nur das Forum. Oder das Kulinarische Kino. Hier haben wir ganz neue Zuschauerschichten erschlossen.

Was sollen die Besucher vom Festival mitnehmen?

Niemand wird nach der Berlinale gefragt, ob alle 21 Beiträge im Wettbewerb wirklich auf der Höhe der Zeit gewesen sind. Aber es wird vielleicht diskutiert werden, ob diese Tage inspirierend waren, ob man etwas gehört hat, was man noch nicht gehört hat, etwas gesehen hat, was man noch nie gesehen hat. Für mich wäre es wichtig, dass die Leute das Gefühl haben, dass sie mit ihren Gedanken, die sie sich zur Welt machen, nicht allein sind. Sondern dass es in 123 Ländern Menschen gibt, die ganz ähnlich denken. Und dass es doch einen Zusammenhang des Guten in der Welt gibt – so wie es leider auch einen Zusammenhang des Schlechten gibt. Das zu erkennen finde ich aufregend.


Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland

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