Witzlichtgewitter in New York

- Er habe mehr Probleme, sagt Jerry Falk, als er durch einfachen Selbstmord lösen könne. Und nach zehn Minuten in diesem Film weiß man, was er meint: Seine Freundin Amanda (grandios und perfekt: Christina Ricci) ist ein zickiges, lebensunfähiges, fress- und hungersüchtiges Luder, die als Schauspielerin versagt und ihre umfangreichen sexuellen Fantasien mit allen möglichen Männern auslebt, aber nicht mit ihm. Auch die übrigen Mitmenschen bereiten ihm vor allem Probleme: Sein Manager (Danny DeVito) ist schmierig, unfähig und depressiv, sein Psychiater desinteressiert.

<P>Überdies leidet Jerry noch unter der Anwesenheit von Amandas versoffener Mutter, einer miserablen Revuesängerin, die bei ihm eingezogen ist, - und unter Erfolglosigkeit in seiner Arbeit als Comedy-Autor. Jerry ist mit anderen Worten eine jener typischen Woody-Allen-Figuren, die des sympathischen Verlierers. </P><P>Comedy und Angst</P><P>Lange verkörperte ihn Allen in seinen Filmen am liebsten persönlich, jetzt mit weit über 60 hat er in Jason Biggs, bekannt aus flachen Teenie-Komödien, aber, wie man sehen kann, zu Besserem befähigt, sein junges Alter Ego gefunden. Auf Allen selbst müssen seine Fans nicht verzichten, er spielt David Dobel, Jerrys väterlichen Freund, gleichfalls ein erfolgloser Comedy-Autor. Bei langen Gesprächen begleitet man die beiden durch den New Yorker Central Park, vor allem in Rückblicken erhalten wir Einblick in Jerrys Leben, lernen ihn und die anderen Figuren besser kennen.</P><P>"Funny is money!", heißt eine von Davids Devisen, und so sieht man in diesem Film weniger eine klar erzählte Geschichte als eine Abfolge von Sketchen und Running-Gags. In gewissem Sinn kehrt Allen dabei zu seinen Anfängen als Stand-Up-Comedian zurück: Sprudelnd vor Wortwitz, mit Dialogen, die nur wenige Pointen auslassen, setzt der Film ganz auf die Macht der Sprache und der Interaktion der Darsteller, die sich die Witze zuwerfen, wie in den klassischen Screwball-Komödien der 40er-Jahre. Die Bilder treten hingegen stark in den Hintergrund, und so reizvoll "Anything Else" ist - der Reiz liegt nicht im speziell Filmischen. </P><P>Zum einen liebt man die Selbstironie, in der Allen hier seine eigenen Figuren aufs Korn nimmt: Psychoanalyse und Liebeskummer, Weltfremdheit und Erfolgsträume, Probleme, die Menschen mit sich selber und ihren Mitmenschen haben, die Lebenslügen und das Ringen mit den Tücken des Alltags. </P><P>Trotzdem ist ein ernster Unterton spürbar: Die Allen-Figur David ist nämlich auch ein durch den Holocaust traumatisierter Jude, ein Stadtneurotiker, der von Ängsten und Sicherheitswahn besessen ist. Überall wittert er Terroristen: "Natürlich brauchst du ein Gewehr zur Selbstverteidigung", empfiehlt er Jerry, "stell dir vor, jemand bricht bei dir ein, während du masturbierst!" Im Witz versteckt sich auch bittere Kritik an Bush und Rumsfeld, eine scharfe Satire auf die Reaktion mancher Amerikaner auf den 11. September 2001 und all das Gerede von der "Homeland security". "Eigentlich geht es immer um Faschismus", erklärt Dobel doppeldeutig.</P><P><BR>Auch wenn man hier nicht alles wörtlich nehmen muss, was die Figuren sagen: "Anything Else" handelt von Furcht und Unsicherheit, von Waffenfetischismus und der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen - wie Michael Moores Filme. Aber welch ein Unterschied! Im Gegensatz zum Anti-Bush-Überzeugungstäter erweist sich Allen als präziser Beobachter seiner Heimat. Immer vergnüglich, selten flach ist sein Film voller Lebensklugheit im Detail und bei aller Allen-typischen Nostalgie, die sich nicht zuletzt in der Musikauswahl - sämtlich Jazzstücke aus den 30er- und 40er-Jahren - zeigt, ist das Werk unübersehbar ein Film unserer Gegenwart.</P><P>"Anything Else"<BR>mit Jason Biggs, Woody Allen, Christina Ricci<BR>Regie: Woody Allen<BR>Hervorragend</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Neuer „Harry Potter“-Film kommt - mit einem kleinen Haken
Den von J. K. Rowling erfundenen Zauberlehrling Harry Potter aus Hogwarts kennt jeder. Doch die Produzenten eines anderen Films werfen der Schriftstellerin vor, die Idee …
Neuer „Harry Potter“-Film kommt - mit einem kleinen Haken
Er war der coolste James Bond: Nachruf auf Roger Moore
Trauer um Roger Moore: Der James-Bond-Darsteller ist mit 89 Jahren an Krebs gestorben. Hier lesen sie einen Nachruf auf Roger Moore. 
Er war der coolste James Bond: Nachruf auf Roger Moore
„Pirates of the Caribbean 5“: Routine statt Spannung
Johnny Depp torkelt über die Schiffsplanken, Javier Bardem zeigt Vampirzähnchen - und ein junges Liebespaar gibt es auch. Disneys unverwüstliche Piratensaga geht mit …
„Pirates of the Caribbean 5“: Routine statt Spannung

Kommentare