Im wohligen Leerlauf

- Darf man zum Frühstück schon Schweinebraten essen? Läuft das Leben schneller oder langsamer, wenn man betrunken ist? Sind Männer, die Limonade trinken, der Untergang des Abendlandes? Dies sind die Fragen, die Frank Lehmann umtreiben. Lehmann, der seines bevorstehenden 30. Geburtstages wegen von seinen Freunden nur "Herr Lehmann" genannt wird, arbeitet nachts in einer Kreuzberger Kneipe, tagsüber schläft er oder besucht Karl (Detlev Buck), der seine Brötchen ebenfalls als Tresenkraft verdient.

<P>Man schreibt das Jahr 1989, der Herbst zieht ins Land, doch von den historischen Umwälzungen jenseits der wenige Meter entfernten Mauer bemerkt Lehmann nichts. Bierselig vergehen die Tage, viel Schanktisch-Philosophie wird ausgetauscht, und im sanften Becks-Bier-Rausch döst man dem größten Moment der jüngeren deutschen Geschichte entgegen.</P><P>Es passiert praktisch kaum etwas in "Herr Lehmann", dem zweiten Kinofilm des Theaterregisseurs Leander Haußmann. Die gleichnamige Vorlage entstammt der Feder von Sven Regener, der in seinem Roman äußerst unterhaltsam die Oase der Stagnation porträtiert, zu der West-Berlin in den 80er-Jahren wurde. Die betuliche Gemütlichkeit der Insel-Lage, die Zugereisten aus Schwaben, Bayern und dem Taunus, das Biotop der Kriegsdienstverweigerer und Aussteiger, die endlosen Zechtouren durch den Mikrokosmos vom Mehringdamm bis zum Mariannenplatz - all das beschreibt Regener mit pointiertem Witz und viel Herzenswärme für seine gestrauchelten Helden.</P><P>Haußmann hat diese kauzige Enklave der Bierseligkeit nun exakt recherchiert. Mit großer Detailgenauigkeit und gleichzeitig extremer Überzeichnung lässt er, in sanft bräunliches Licht getaucht, die Zeiten des wohligen Leerlaufs auferstehen. Die Stilmittel erinnern deutlich an seinen ersten Kinoerfolg "Sonnenallee": Derselbe Wortwitz, der gleiche lakonische Humor - und letztlich ist auch "Herr Lehmann" ein Film übers Erwachsenwerden. Nur merkt das in diesem Fall der Titelheld gar nicht.</P><P>Mit der Besetzung von Christian Ulmen als Lehmann gelang Haußmann ein genialer Coup. Wer hätte gedacht, dass der Blödel-Kasper von MTV derart zurückgenommen und konzentriert sein kann? Haußmann beherrscht den im deutschen Kino so selten glücklich endenden Balanceakt zwischen Tragik und Komik. Dadurch gelingt ihm ein intensiver Blick auf eine Zeit, die damals eine ganze Generation geprägt hat. <BR>(In München: Mathäser, Maxx, Münchner Freiheit, City.)</P><P>"Herr Lehmann"<BR>mit Christian Ulmen, Detlev Buck<BR>Regie: Leander Haußmann<BR>Hervorragend</P>

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