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Die erste Superheldin: Amazonenprinzessin Diana (Gal Gadot).

Zum Kinostart des neuen Films von Patty Jenkins

„Wonder Woman“: Nur noch kurz die Welt retten

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Die Regisseurin Patty Jenkins bringt mit „Wonder Woman“ Frische ins Superhelden-Genre. Lesen Sie hier unsere Filmkritik: 

Ihr Leben ist perfekt. Behütet und sorgenfrei wurde Diana als Tochter der Königin Hippolyta auf dem zauberhaften, vor den Augen der Welt versteckten Inselparadies Themyscira groß. Geborgen und respektiert lebt sie im Reich selbstbewusster Amazonen. Nur eine echte Auseinandersetzung hatte die Prinzessin bis dato zu bestehen – und natürlich setzte sie ihren Wunsch, eine Kriegerin werden zu dürfen, gegen den Willen der herzensguten Mutter durch, die ihr Kind so lange als möglich beschützen wollte.

Doch etwas nagt trotzdem in Diana. Um das zu erkennen, muss man Gal Gadot, die sie mit großer Ernsthaftigkeit spielt, in die Augen schauen, als sie an den Klippen steht und zufällig beobachtet, wie ein Flugzeug ins Meer stürzt. Die junge Frau hat immer geahnt, dass da noch etwas anderes, Bedeutenderes auf sie wartet – jetzt fasst sie den Entschluss, dem diffusen Gefühl nachzugehen.

In diesem Moment umschwebt Matthew Jensens Kamera Gadot in einer herrlich harmonischen Kreiselbewegung. Diese Fahrt ist so perfekt wie die Existenz der Amazonenprinzessin. Dann tritt Diana aus dem idealen Kreis heraus, den Jensens Aufnahme beschrieben hat, und springt die Klippen hinab, um jenen Unbekannten zu retten, der da draußen zu ersaufen droht. Als sie wieder auftaucht, ist ihr erster Schritt zur „Wonder Woman“ getan.

Patty Jenkins brachte 2003 „Monster“ in die Kinos

Die Regisseurin Patty Jenkins, deren Drama „Monster“ (2003) Charlize Theron den Oscar als beste Hauptdarstellerin bescherte, hat sich in ihrem zweiten Spielfilm der ersten Superheldin der Comic-Geschichte angenommen. „Wonder Woman“ ist unterhaltsames, spannend inszeniertes, mitunter lustiges Popcorn-Sommerkino, das – trotz dramaturgischer Zugeständnisse – respektvoll mit der Vorlage umgeht.

Wonder Woman ist nicht nur die erste Protagonistin im Kosmos der Superhelden, sondern auch jene mit der spannendsten Rezeptionsgeschichte. Das neue Genre ist seit gerade mal drei Jahren etabliert, als die Amazonenprinzessin 1941 ihr Debüt auf dem US-Comicmarkt hat, zunächst noch als Mitglied der „Justice Society of America“. Ein Jahr später kämpft sie dann in der eigenen Heftreihe für Gerechtigkeit. Ersonnen hat William Moulton Marston (1893-1947) die Figur. Der Psychologe mixte in seinen für die damalige Zeit erstaunlich emanzipierten Geschichten munter griechische Mythologie mit eigenen Ideen vom Reich der Amazonen. Wonder Womans wichtigste Waffe indes ist ein magisches goldenes Lasso, das ihre Gegner zwingt, die Wahrheit zu sagen. Kein Wunder, schließlich hatte Marston 1915 den Lügendetektor erfunden. Neben Superman und Batman zählte Wonder Woman rasch zu den künstlerisch und kommerziell extrem erfolgreichen „Big Three“ des goldenen Zeitalters der Superhelden-Comics, wie die Literaturwissenschaft heute jene erste Dekade des Genres nennt. Rasch schickten Marston und sein Zeichner Harry G. Peter (1880-1958) die Heldin in den damals drängenden Kampf der Demokratie gegen den Faschismus. Die freie Welt konnte jede – auch publizistische – Unterstützung gegen Nazi-Deutschland gebrauchen.

Die Filmhandlung ist in den Ersten Weltkrieg verlegt

Für Patty Jenkins’ Leinwandadaption hat Drehbuchautor Allan Heinberg die Geschichte in den Ersten Weltkrieg verlegt. Eine kluge Entscheidung, denn mit seiner Technisierung des Tötens und dem maschinellen Morden war dies der erste moderne Krieg. Ein fürchterlicher Zivilisationsbruch, der für Diana nur Werk des Kriegsgottes Ares sein kann, der sich des Generals Ludendorff und dessen Giftgasmischerin Dr. Maru als Erfüllungsgehilfen bedient. Zusammen mit dem von ihr geretteten Piloten Steve Trevor macht sie sich auf, um das Grauen ein für alle Mal zu beenden, indem sie Ares vernichtet. Denn der kann nur von einer Amazone getötet werden – „und die Welt wird eine bessere sein“. Wonder Woman muss einen weiten Weg zurücklegen, bis sie auf den Schlachtfeldern Europas erkennt, dass die Gleichung komplizierter ist. Gadot, die die Figur bereits im vergangenen Jahr in „Batman v Superman“ verkörperte, gelingt es, selbst Dianas Naivität so zu zeigen, dass sie wahrhaftig und stark wirkt. Dann schwingt auch in komischen Szenen ein bitterer Ton mit – etwa als Trevors Sekretärin erklärt, was ihre Aufgaben sind, und Diana trocken kontert: „Da wo ich herkomme, nennt man das Sklaverei.“

Neben diesen Momenten sind es die schwungvoll inszenierten Actionszenen, eine kluge Finte des Drehbuchs sowie die eindrucksvolle Kamera-Arbeit, die dieses Filmabenteuer gelingen lassen. Natürlich gibt es einige Dialogzeilen, die an Kalendersprüche erinnern. Natürlich bleiben die Nebenfiguren blass und eindimensional; vor allem Chris Pine wirkt als Steve Trevor streckenweise sträflich unterfordert. Doch der Gedanke, dass allein eine Frau die Menschheit noch retten kann, hat auch nach mehr als 70 Jahren nichts von seiner Faszination verloren.

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