Woyzeck in Los Angeles

- "Jeder Mensch ist ein Abgrund, und es schwindelt einen, wenn man hinabsieht." Ob Regisseur und Drehbuchautor Paul Haggis vor seinem Spielfilmdebüt "L.A. Crash" tatsächlich Georg Büchners Woyzeck repetiert hat, bleibt fraglich. Und doch gibt dieses Zitat der gequälten Kreatur den Inhalt dieses wunderlichen, bemerkenswerten und nachhaltig verstörenden Films am treffendsten verdichtet wieder.

Alle Figuren in diesem klugen und düsteren Spiel um Gut und Böse haben einen ungeahnt tiefen Abgrund, und Haggis zeigt auf eleganteste Weise, wie schnell diese bedrohliche Tiefe der menschlichen Psyche sichtbar werden kann und wie wenig dann übrig bleibt vom brüchig gewordenen Firnis der Zivilisation.

Von den Lebenshungrigen und den Hungernden

In grob gerasterten Episoden erzählt Haggis sehr plastisch und komplex von einem guten Dutzend Personen, die binnen 36 Stunden voneinander angezogen oder abgestoßen werden. Wie in einer Versuchsanordnung beobachtet Haggis mit einer stets unbeteiligt bleibenden Kamera das Geschehen, und man bemerkt als Zuschauer erst allmählich, dass Haggis hier einen raffinierten Spiegel konstruiert hat: Jeder Mensch verhält sich unter Druck genauso wie diese ausschließlich auf ihr eigenes Wohl bedachten, mit Vorurteilen überladenen und in egoistischer Wut erstarrten Protagonisten.

Zahnrädern ähnlich greifen die einzelnen Geschichten ineinander: Etwa die der beiden jungen Schwarzen, die sich nach einem Restaurantbesuch über die Rassendiskriminierung beklagen. Oder die des bubihaften Bezirksstaatsanwalts (Brendan Fraser) und seiner zickigen Frau Jean (Sandra Bullock), deren Luxus-Jeep die zwei Farbigen kurz darauf stehlen. Wie in Arthur Schnitzlers "Reigen" oder - cineastisch gesehen - wie in Robert Altmans "Short Cuts" oder Paul Andersons "Magnolia" reiht Haggis hier seine allesamt sehr berührenden Szenen aneinander.

Diese Montagetechnik ist als filmischer Kunstgriff nicht neu und kann heute wahrlich nicht mehr als originell bezeichnet werden. Dient diese Erzählvariante doch meistens dazu, mit einigen wirklich guten Storys ein paar eher mittelprächtige zu übertünchen. Auch hier gehen einem Szenen wie die des rassistischen Cops (Matt Dillon), der bei einer Polizeikontrolle ein schwarzes Ehepaar einer schier nicht enden wollenden Demütigung unterzieht, lange nicht mehr aus dem Kopf. Andere wiederum hat Haggis wohl mehr der sinnvollen Abfolge halber eingebaut als aufgrund ihres Nachhalls. Dennoch ist "L.A. Crash" einer der herausragendsten Spielfilme der letzten Monate geworden. Eines exzellenten, hochkarätig besetzten Ensembles wegen. Eines perfekt jeder kleinsten Stimmungsschwankung angepassten Soundteppichs wegen. Und weil Haggis tatsächlich etwas zu sagen hat. Nicht nur über die Lebenshungrigen und Hungernden, Armen und Reichen, Weißen und Farbigen in Los Angeles. Sondern über alle Menschen, die täglich wie Woyzeck durchs Leben stolpern und sich dabei ständig in Ton und Tat vergreifen.

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