Wunden der Vergangenheit

- Unmöglich, dem Thema zu entkommen. Der Blick zurück in die Geschichte, die Frage nach dem Woher, die auch immer eine Suche nach der Identität ist, prägt das 19. Dokumentarfilmfestival in München. In Wellen schwappt die Vergangenheit herüber in die Gegenwart. Das sind die symptomatischen Bilder eines Festivals, das in Erinnerungen schwelgt, gefunden von der mexikanischen Regisseurin Marcela Arteaga für ihren Film "Recuerdos". Ihre Menschen erzählen vom Spanischen Bürgerkrieg, von Emigration und Exil, unterbrochen von den Wogen des Meeres, das wie die Erinnerung über einen kommt, kontinuierlich, unfassbar. Dann plötzlich ein zugefrorener See, eine geschlossene Schneedecke; nicht alles kann leicht hervorgekramt werden aus dem Gedächtnis, manches begräbt man lieber. Viel mehr als die Protagonisten sprechen die eindrucksvollen Bilder des Filmes und machen aus "Recuerdos" einen Essay über die Erinnerung und das Vergessen.

<P>Etwas pervers Therapeutisches hat der Schritt in die Vergangenheit im Film "S 21 - La machine de mort khmère rouge", der im Wettbewerb läuft, allerdings außer Konkurrenz. Dass er gezeigt wird, hängt sicher mit seiner außergewöhnlichen Konstruktion zusammen. Es ist eine Versuchsanordnung der grausamen Art. Regisseur Rithy Panh konfrontiert Überlebende der Terror-Herrschaft der Roten Khmer mit ehemaligen Helfern der Foltermaschinerie. Es ist die alte Frage: Wer trägt die Verantwortung? Sind es die Befehlsgeber oder all die Mitläufer, die Helfershelfer? Erschreckend wenig Reue zeigen die Täter in Panhs Film, stattdessen spielen sie Situationen aus dem Gefängnisalltag nach und können kaum ihren Stolz verbergen, dass nach fast 30 Jahren die Gesten und Bewegungsabläufe immer noch perfekt sitzen. Das Bewusstsein der Überlegenheit hat sich erhalten, Macht zeigt sich als ultimative Motivation des Menschen.</P><P>Krieg, Vertreibung, Grenzkonflikte, menschliche Schicksale findet man zuhauf im Programm des Festivals. Schwere Themen, die scheinbar zum Grundrepertoire des Dokumentarfilms gehören. Auch "One of Many" hat ein ernstes Anliegen und einen aufklärerischen Gestus. Dennoch erzählt der Film leicht und mitreißend von Sally Tisiga, einer kanadischen Ureinwohnerin. Sally ist eine von vielen, die als Kind ihren Eltern weggenommen wurde, um ihr eine so genannte weiße Erziehung zukommen zu lassen. Die kanadische Regierung träumte von einer einheitlichen, das heißt weißen, europäisch geprägten, Gesellschaft, zerstörte die Kultur der Ureinwohner und entriss Kinder ihren Eltern und ihrer Identität. 30 Jahre später begibt sich Sally auf eine Spurensuche nach ihrem Ursprung. Jo Bé´renger und Doris Buttignol trauen ihrem Film ein Pathos zu, das ihm gut steht, das die Emotionen der entwurzelten Menschen glaubwürdig wiedergibt (heute, 18 Uhr, Rio).</P><P>Eine ganz andere Suche stellt "Hollands Licht" von Pieter-Rim de Kroon an. Was sind die spezifischen Qualitäten des Lichts in Holland, was sind seine Bedingungen? De Kroon befragt Künstler, Wissenschaftler, Kunsthistoriker, aber im Grunde kennt man zu Beginn des Filmes bereits das Ergebnis. Denn natürlich ist das Vorhaben nicht ganz ernst gemeint, recherchiert De Kroon doch Licht, Wellen Atmosphäre, kurz: nicht Sichtbares, also für das Kino grundsätzlich Ungeeignetes. Und dennoch gelingt der Film, weil er sich nicht festlegt, sondern Distanz wahrt zu seiner eigenen Fragestellung und somit zu einer Studie wird über das Sehen und die Wahrnehmung an sich, über die Darstellbarkeit von Wirklichkeit, gegenwärtig oder vergangen.</P>

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