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Sie kamen im KZ zur Welt: Sieben Babys und ihre Mütter zeigt dieses Foto, das ein amerikanischer Soldat nach der Befreiung des Lagers Dachau machte. Vorne links Eva Fleischmanova und ihre wenige Wochen alte Tochter Marika.

Das Wunder von Kaufering: „Geboren im KZ"

Kaufering - Die ARD zeigt den Film "Geboren im KZ": Eine Arbeit von Eva Gruberova und Martina Gawaz über Schwangerschaften in Vernichtungslager n.

"Überall lagen die Toten", schreibt ein amerikanischer Soldat nach der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau nach Hause, „doch unter den mehr als 30 000 befreiten KZ-Häftlingen befanden sich zu unserer großen Überraschung sieben jüdische Mütter mit ihren Babys!" Die Soldaten fotografierten das Unglaubliche, was sie da sahen - George, Jossi, Leslie, Marika, Agnes, Judit und Szuzi, geboren zwischen Dezember 1944 und Februar 1945 in Kaufering (Landkreis Landsberg am Lech), einem Außenlager des KZ Dachau. Zwei von ihnen, Marika und Leslie - und ihre Mütter - stehen im Mittelpunkt der Dokumentation „Geboren im KZ" von Eva Gruberova und Martina Gawaz, zu sehen heute um 23.30 Uhr im Ersten.

Gruberova arbeitet in der KZ-Gedenkstätte. Das Foto brachte sie dazu, sich zu fragen, was wohl aus den Babys von damals geworden ist. Recherchen zu einem anderen Thema führten sie zu Eva Fleischmanova, eine der abgebildeten Mütter, die heute in der Kleinstadt Dunajska Streda in der Slowakei lebt. Ein Anruf vor drei Jahren brachte die Erkenntnis, dass Fleischmanova ihrer Tochter bis zu diesem Zeitpunkt nichts von den Umständen ihrer Geburt erzählt hatte.

Dabei hatte sich Marika Novakova, heute 65, stets gewundert, warum in ihrem Pass als Geburtsort „Kaufering" stand. Die Mutter schwieg beharrlich, zu schmerzlich waren die Erinnerungen, zu deutlich auch nach dem Krieg die Ablehnung der Juden in der Slowakei. Doch dann flatterte ein Brief aus Kanada ins Haus, von Miriam Rosenthal, mit einem Foto. Jene sieben Mütter und ihre Babys waren da zu sehen. Eines davon Marika auf dem Arm ihrer Mutter. Ein anderes Leslie auf dem Arm seiner Mutter Miriam Rosenthal.

Jetzt wollte Marika die Wahrheit erfahren, die ganze Geschichte. Rund eineinhalb Millionen jüdische Kinder wurden von den Nazis ermordet. Wie war es möglich, dass gerade sie in einem KZ geboren wurde und dort überlebte? Begleitet von den Filmemacherinnen, ging Marika auf Spurensuche, folgte dem Weg, den sie als Ungeborene schon einmal gegangen war - nach Auschwitz, Augsburg, Kaufering und Dachau.

Und endlich erzählte auch ihre Mutter. Wie sie als 20-Jährige deportiert wurde, wie sie die Schwangerschaft zu verbergen suchte, wie sie an der Rampe in Auschwitz vor dem SS-Arzt Josef Mengele stand, der ihre Schwangerschaft - das sichere Todesurteil - nicht erkannte, auch wenn er sie wie ein Stück Vieh an die Brust fasste. Wie sie in ein Dachauer Außenlager in Augsburg und schließlich nach Kaufering kam. Wie sie immer wieder der Entdeckung entging, wie andere Frauen ihr und den anderen Schwangeren halfen, ihnen Essen zusteckten, sie schützten. Wie sie schließlich in einer Holzbaracke ihre Tochter gebar und die sieben Wöchnerinnen sich gegenseitig unterstützten.

Eine dieser Schicksalsgenossinnen war die heute 88-jährige Miriam Rosenthal, die nach der Befreiung nach Kanada auswanderte. Sie war wie Marikas Mutter Eva nach Auschwitz und von da über Augsburg nach Kaufering deportiert worden. Dort hatten sich die beiden Schwangeren kennengelernt. Miriam war es, die das Foto in die Slowakei schickte.

Anders als Eva Fleischmanova hat Miriam Rosenthal ihr Leben lang immer wieder von ihrem Schicksal erzählt. In Schulen und Universitäten berichtete sie über den Holocaust und die eigene Geschichte. Mit den beiden deutschen Filmemacherinnen jedoch wollte sie anfangs nicht reden. „Wir mussten sie überzeugen, dass wir es wirklich ernst meinen", erzählt Martina Gawaz. Endlich sagte die alte Dame zu - und entschied sogar, im Interview Deutsch zu sprechen, das erste Mal seit 65 Jahren.

Es waren emotionale Momente - vor und auch hinter der Kamera. Immer wieder musste das Gespräch unterbrochen werden, Gawaz und Gruberova bekamen Angst um Miriam Rosenthal, die die Erinnerungen so aufwühlten. Warum die SS nach der Entdeckung der Schwangerschaften alle sieben Frauen und später auch ihre Babys am Leben ließ, bleibt offen. Dass auch noch kurz vor Kriegsende schwangere Frauen in den Lagern in den Tod geschickt wurden, zeigt die Erinnerung Miriam Rosenthals. Einmal habe ein SS-Mann mit dem Lautsprecher schwangere Frauen aufgefordet, herauszutreten. Es gebe für sie doppelte Rationen. „Etwas, vielleicht meine Mutter, sagte mir: Gehe nicht!", so Rosenthal. „Ich bin nicht gegangen. Alle anderen sind gegangen, 200 Frauen vielleicht. Und alle sind gegangen ins Krematorium."

Esteban Engel

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