Wunschlos unglücklich

- Ein schwüler Sommertag. Dem 19-jährigen Paul (Lennie Burmeister) rinnt Schweiß von der Stirn. Ein kurzer Impuls, mehr ist es nicht, dann steigt Paul nicht wieder ein in den olivgrünen Bundeswehr-Lkw. Er sieht zu, wie die anderen davonfahren. Man versteht ihn gut, ohne genau zu ahnen, warum. Aber von nun an ist er "fahnenflüchtig". Was das heißt, weiß er nicht wirklich. Er denkt einfach an nichts, eigentlich auch nicht an zu Hause, wohin er jetzt fahren wird, in den Bungalow seiner Eltern, auch nicht an seine Ex-Freundin Kerstin, die er dort wiedersehen wird.

<P>Lakonisch sind Bilder und Dialoge in Ulrich Köhlers Film "Bungalow", extrem langsam die Kamerafahrten - schon zu Beginn, wenn es ewig zu dauern scheint, bis sich die mit Soldaten beladenen Laster um die Kurven zur Raststätte schieben. So geht es auch auf dem elterlichen Grundstück weiter, das der Film nur sporadisch verlässt.<BR><BR>Äußerlich passiert nicht viel. Pauls Bruder kreuzt mit Freundin Lene auf. Streitereien mit dem Bruder, die Besuche Kerstins, hilflose Annährungsversuche Pauls gegenüber Lene. Und um all das herum ein Alltag, der so lähmend ist wie die Sommerhitze. Ein junger Mann zwischen Ordnung und Gefühl, dessen Antriebe man nicht begreift.<BR><BR>Es ist kein besonders "jugendliches" Lebensgefühl, das Köhler zeigt, obwohl Paul auch ein entfernter Verwandter von Douglas Couplands und Richard Linklaters "Slackern" der frühen 90ern ist. Aber die reiben sich noch an etwas, das vielleicht die Erwachsenenwelt, vielleicht "die Gesellschaft" ist. Köhlers Paul fehlt ein solches Gegenüber. Er ringt mit einem stärkeren Gegner - mit dem Leben, das heißt hier: dem Nichts. Existenzialismus in der Provinz. Indem Paul ziellos rumhängt, sein wunschloses Unglück zu akzeptieren scheint, bleibt er noch am ehesten widerständig.<BR><BR>Das alles zeigt der Regisseur stilistisch nüchtern, beeindruckend klar und konsequent, voller Aufmerksamkeit für kleine Annährungen und Entfernungen zwischen Figuren, für Blicke und die stillen Kettenreaktionen, die sie auslösen. "Bungalow" ist besser als die meisten deutschen Filme der letzten Zeit und wurde auf diversen Festivals ausgezeichnet. Köhler zeichnet ein intensives Porträt aus Ekel und Gleichgültigkeit, einer Welt, in der nichts passiert. Gerade darin steht uns "Bungalow" vermutlich näher, als wir es wahrhaben möchten. </P><P>(In München: Werkstattkino, Maxim.)<BR><BR><BR>"Bungalow"<BR>mit Lennie Burmeister, Trine<BR>Dyrholm, Devid Striesow<BR>Regie: Ulrich Köhler<BR>Hervorragend</P><P> </P>

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